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  • AutorenbildFiona Mählmann

Ethel Cain - Preacher’s Daughter, Eine American Horror Story

eine Albumreview von Fiona Mählmann // TW: in dieser Review werden Themen wie sexualisierte Gewalt, Kindesmissbrauch, Zwangsprostituierung, Drogenabhängigkeit und Kannibalismus behandelt.

credits: Irina Rozovsky

Preacher's Daughter ist eines der fabelhaftesten Alben, die 2022 veröffentlicht wurden. Im englischen Sprachraum taucht es immer wieder auf den Listen der besten Alben des letzten Jahres auf. In Deutschland jedoch wird kaum davon gesprochen. Es ist ein ganz untypisches Album für das Jahr 2022. Viele Alben werden heute für Streamingplattformen konzipiert, mit schnell einprägsamen Melodien, leicht mitsingbaren Texten, vielen Refrains und einer durchschnittlichen Länge von etwa 3 Minuten. Genreübergreifend ein vermeintliches Rezept für Erfolg. Bei Preacher’s Daughter liegt der Fokus auf den Strophen, es gibt wenige Wiederholungen. Die meisten Titel dauern zwischen 5 und 10 Minuten, bei den kürzeren Songs handelt es sich größtenteils um Instrumentale. Taylor Swift hat mit All Too Well (Taylor's Version) bereits 2021 bewiesen, dass auch Songs "mit Überlänge" erfolgreich sein können, wenn sie über gutes Storytelling verfügen. Preacher's Daughter befindet sich auf der Ebene des Erzählens auf einem ganz anderen Level. Hayden Anhedönia verfolgt in diesem Konzeptalbum unter dem alias Ethel Cain den Lebens- und Sterbensweg der von ihr erschaffenen Figur und schildert Ethels Emanzipations- und Horrorgeschichte. Und das ganz im Stile des US-Südstaatlichen Amerikas.

Achtung: Der folgende Artikel enthält Spoiler. Wer sich von der Geschichte überraschen lassen will, sollte daher erst nach dem Hören wieder zu diesem Artikel zurückkehren. Außerdem möchte ich eine Triggerwarnung für die Themenbereiche sexualisierte Gewalt, Kindesmissbrauch, Zwangsprostituierung, Drogenabhängigkeit und Kannibalismus aussprechen.



Family Tree (Intro) legt den Grundstein für Ethel Cains Geschichte und spiegelt innerhalb seiner musikalischen Struktur auch vage die Struktur des Albums wider. Religiosität und Trauma, von denen in Kombination immer wieder zu hören sein wird, finden hier Anklang, sowie auch das Element des Makabren. Hallend und gespenstisch nimmt sich Ethel Zeit für die ersten Strophen.

Der Titel American Teenager ist unter den Lieblingssongs Barack Obamas von 2022 zu finden, welche er zum Ende des Jahres auf Twitter geteilt hat. Man kann es ihm nicht verdenken – bei einem oberflächlichen Hören klingt American Teenager wie ein Upbeat-Pop-Rock Track. Seine beinahe antiamerikanischen Inhalte machen ihn aber zu einer, naja, speziellen Wahl für einen ehemaligen US-Präsidenten. Der Song verbindet ein Gefühl jugendlicher Freiheit mit der Frustration über all das, was man sein sollte, aber nie werden kann. Der positivste Punkt des Albums ist hier schon erreicht.

credits: Irina Rozovsky


A House in Nebraska ist ein sehnsüchtiger Rückblick auf Ethel Cains erste Liebe und findet sich dementsprechend zwischen Romantik und Schmerz. Der fast 8-minütige Titel wurde 2018 schon auf der EP Sad Music For Sad People veröffentlicht, damals noch unter dem Namen White Silas. Wenn auch nicht für dieses Album geschrieben, fügt er sich perfekt in die Geschichte Ethel Cains ein.

In dem darauffolgenden Western Nights berichtet Ethel dann von ihrem neuen Partner, einem stereotypischen Bad-Boy und beginnt dabei auch die Beziehung zu ihrem Vater zu reflektieren. In Family Tree wird allmählich deutlich, wie Ethels Vater ihr Leben geprägt und geschädigt hat. Sie nimmt dabei eine Unterscheidung zwischen ihrem Vater, dem "preacher" und ihrem "daddy" vor. Zu Beginn des Titels meint man Fliegen herumschwirren zu hören, während sie von Hingabe, Opfer und Gewalt spricht, von der sie sich in einem der am häufigsten wiederholten Refrains des Albums reinwaschen will. Mit der zweiten düster klingenden Strophe zeigt sich aber wie Ethel die Kontrolle über ihre Situation ergreift, ohne Rücksicht darauf, selbst Opfer zu verursachen.

credits: Irina Rozovsky


Hard Times konkretisiert schließlich, wie Ethels Vater sie im Alter von 9 Jahren misshandelte und dazu zwang sehr plötzlich erwachsen zu werden. Doch sich davon zu lösen ist Ethel, so sehr sie es auch versucht, unmöglich. Thoroughfair erzählt eine neue kleinere, 10-minütige Geschichte im Country-Mantel. Ethel trifft hier auf einen neuen Partner, der auf der Suche nach einer Liebe, wie die seiner Eltern ist. Mit ihm fährt sie von Texas weiter in Richtung Westen, um ihn auf der Suche zu begleiten. Und auch wenn er erst in Kalifornien meint, er hätte die Liebe nicht dort gefunden, hat er doch Ethel auf seinem Weg entdeckt, und möchte sie weiter bei sich haben.


Der Song Gibson Girl klingt so sexy, wie sein Inhalt an der Oberfläche wirkt. Der Text geht darauf ein, dass es gerade das Unmoralische ist, was Ethel besonders reizt. Also ein Ausbruch von den moralischen Zwängen ihres Vaters und dessen Gemeinde, mit der sie aufgewachsen ist. In ein paar leicht zu überhörenden Zeilen wird dabei aber auch gleichzeitig angedeutet, dass es nicht nur um ihre sexuelle Beziehung zu ihrem neuen Freund geht, sondern, dass er für sie auch als Zuhälter agiert, um seine und Ethels Drogensucht zu finanzieren.


Ptolemea ist der Höhepunkt des Albums. In einer drogenbedingten Halluzination realisiert Ethel, wie ihr Partner, so sehr sie ihn auch meint zu lieben, sich als Psychopath entpuppt. Wieso? - Er plant sie für die Sünden zu opfern. Das Unvermeidbare wird deutlich und ein sich wiederholendes "Stop", das in einem erschütternden Schrei gipfelt, sieht ihr Schicksal als beschlossen. In ihrem Sterben greift ihr Instinkt zurück auf die Religion in Form von Seligpreisungen der Töchter, Mütter und Kinder, die der Gewalt ihrer Umwelt ausgesetzt sind.

credits: Irina Rozovsky


In den Titeln August Underground und Televangelism wird Ethel stumm. Die beiden Instrumentalstücke spiegeln die Atmosphäre wider, in denen sie letztendlich stirbt und ihr Bewusstsein in das Jenseits entfliegt. Von dort reflektiert sie in dem Track Sun Bleached Flies ihr Lebe. Sie sehnt sich nach ihrer Jugend, an die vage Vorstellung von Rettung durch den Glauben, auch wenn ihr klar war, dass dieser sie nie vor dem Bösen in der Welt bewahren könnte. Ein letztes Mal denkt sie zurück an das Haus in Nebraska und das Leben, das sie sich mit ihrer ersten Liebe dort erträumt hatte.


Ethels Geschichte findet ihr Ende in Strangers. Sie blickt auf ihren toten Körper, in einem Gefrierschrank im Keller ihres Freundes. Anhand cleverer Wortspiele wird deutlich, wie er sich ihren Körper einverleibt. Sie wollte nur seins sein, und dreht sich nun in seinem Bauch und fragt, ob sie ihn "sick" mache – ihm übel sei, oder ihm die Krankheit seiner Taten bewusst sei. Ethel schließt in dem sie versucht ihre Mutter zu trösten: Sie solle sich nicht über sie sorgen, denn Ethel warte auf sie im Jenseits.

Man kann in einem angemessenen Rahmen nicht beschreiben, auf welche Reise einen dieses Album mitnimmt. In Text und Musik. Die Zusammenfassungen der Titel sollen wirklich nur das sein: Zusammenfassungen, um den groben Verlauf der Geschichte gehört zu haben. Hayden Anhedönia selbst hat bei Genius die Geschichte für jeden der Songs mit noch mehr Informationen und ihrer eigenen Deutung ausgestattet. Hier hat sie auch den Charakteren Namen gegeben. Der Erzählstrang, die Poesie und Komposition sind perfekt aufeinander abgestimmt und lassen bei jedem Hören mehr entdecken. Preacher’s Daughter wird bei aktivem Zuhören zu einem Erlebnis, wie man es selten in der Musiklandschaft findet.


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