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  • AutorenbildJule Detlefsen

Reneé Rapp: "na ja, es muss klappen"

Reneé Rapp im Interview mit Jule Detlefsen

Reneé Rapp konnte in ihrer Karriere schon einen Haken auf ihrer Bucket-List setzen, zumindest gehe ich davon aus. Als Regina George in dem Stück Mean Girls stand sie bereits auf der Bühne am Boardway, spielt die Hauptrolle in der Amazon-Serie „The Sex Life of College Girls“ und hat nun vor Kurzem auch ihre erste eigene EP „Everything to Everyone“ veröffentlicht. Ihr Drang, alles auf einmal zu tun, kommt übrigens nicht von irgendwo. Letztes Jahr wurde die 23-Jährige Künstlerin ADHS diagnostiziert.


Im Interview bonden wir über ADHS-Verhaltensmuster und lassen ein wenig Dampf über Männer in Machtpositionen ab. Also eigentlich ein ganz normales Gespräch zwischen zwei Mitte 20-Jährigen in der Kreativbranche.

Reneé steht voller Elan in den Startlöchern ihrer Musikkarriere und ich bin noch sehr gespannt auf alles, was da noch kommt.

Hi Reneé, natürlich frage ich dich als Erstes, wie es dir geht, aber um diese einfache Frage etwas interessanter zu gestalten, frage ich einfach: Welcher Song beschreibt deine momentane Stimmung?


Mein kleiner Bruder hat mich darauf gebracht und ich finde es so süß. Der Song heißt "kissing girls" von Grady und ich weiß nichts über das Lied, außer dass mein kleiner Bruder es mir vorgespielt hat. Grady ist ein Kerl und an einer Stelle in dem Lied erwähnt er, dass er ein bisexuelles Mädchen mag. Es war so süß, dass mein Bruder es nicht einmal erwähnt hat, er hat es einfach so nebenbei gespielt.


Das hört sich sehr süß an. Lass uns über deine Musik sprechen.

Hast du jemals einen Song fertiggestellt und denkst dir danach: Huch, vielleicht habe ich ein bisschen zu viel erzählt oder ist dir das egal?


Mir ist das egal. Ich habe sogar darauf geachtet, dass als ich "in the kitchen" geschrieben habe, es so viele direkte Bezüge zu Dingen in meinem Leben gab wie möglich. Es ist so spezifisch und ich mochte es einfach sehr. Es war einer meiner ersten Songs, bei dem ich damit anfing.


Dir ist es also auch egal, ob die Person, über der der Song ist, herausfindet, ob der Song über sie ist?


Das ist ein häufiges Thema, und jeder, der mich jemals gedatet hat, denkt die Hälfte der Zeit, dass es um ihn oder sie geht. Es geht tatsächlich dann nie um diese Person. Sie kommen zu mir und sagen: Oh, ich bin mir ziemlich sicher, dass du über diese Person geschrieben hast! Aber sie haben tatsächlich keine Ahnung.


Gibt es eine Zeile in deinen Songs, die dich besonders emotional macht, wenn du sie singst?


"strangers to lovers to enemies" aus "in the kitchen", weil alle schreien. Das ist so großartig.

Ja, das macht wahnsinnig Spaß. Jeder versteht es und jeder hat seine eigene Geschichte dazu.


Du betonst immer, dass du ADHS hast. Das ist sehr cool, besonders als Frau in der Öffentlichkeit, weil du das so offen kommunizierst und die Leute sich mit dir identifizieren können. So wie ich beispielsweise. Bist du schon immer so offen damit umgegangen?


Die Diagnose habe ich erst seit einem Jahr. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich wusste, dass ich es hatte, aber ich wurde nie aktiv damit diagnostiziert. Ich war also immer sehr verwirrt über mich selbst. Aber ich liebe es, denn wenn ich kreativ werde und so überreizt bin, dass 10000 Gedanken auf mich einprasseln, dann finde ich das eigentlich ganz gut.


Ich kann das gut nachempfinden. Man fragt sich immer, was falsch mit einem ist.


Beim Aufwachsen war das total frustrierend. Die Lehrer, Familienmitglieder und alle sagten mit, ich solle mich einfach mal konzentrieren.


Ich kann mir gut vorstellen, dass es ziemlich anstrengend sein kann, wenn man auf der Bühne steht, so viele Leute vor einem stehen und das Gehirn überstimuliert wird. Ist das schwer für dich oder genießt du es, dass du alles in dich aufsaugen kannst?


Ich sauge tatsächlich nichts in mich auf. Früher habe ich mich dafür fertiggemacht, jetzt ist es mir egal. Ich bin jetzt viel ruhiger. Früher war ich sehr ängstlich, und es ist nicht so, dass ich nicht mehr ängstlich wäre. Aber ich bin einfach viel ruhiger geworden, was toll ist. Aber ja, nein, ich sehe nichts.


Vielleicht ist das so, weil dein Kopf dich beschützen will.


Auf jeden Fall macht es mich auch hungrig auf mehr. Nicht so, dass ich das, was ich mache nicht schätze, aber es saugt sich nicht voll, sodass ich nie übersättig bin, was toll ist.

Nun hat ADHS nicht nur schlechte oder überwältigende Seiten, sondern auch ganz spannende Vorteile wie Kreativität, das Erleben vieler intensiver Emotionen, etc. Wo siehst du Vorteile für deine Arbeit als Musikerin?


Ich bin so kreativ und ich habe so viele verschiedene Gedanken, die einfach aufeinander losgehen und sich manchmal widersprechen, was irgendwie frustrierend und ein bisschen lähmend sein kann. Aber es ist schön, weil ich mich ständig inspiriert fühle.


Bei kreativen Arbeiten kommt man auch direkt immer in so ein Workflow.


Ja, ich da bin fokussiert, außer wenn es gegen mich arbeitet, und ich bin wirklich leicht abzulenken und kann dann nicht fertigmachen.


Aber kannst du Songs zu Ende schreiben?


Nicht wirklich. Ich habe bis letztes Jahr nie einen kompletten Song alleine geschrieben, also schreibe ich immer eine Version, natürlich zuerst für eine Strophe und den Chorus. Den Rest müssen dann andere machen.


Ich bin auch immer nur ein 80% Typ. Die letzten 20% packe ich nicht.


Ja, genau!

Wenn du über Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sprichst, betonst du immer, dass du dir sehr darüber im Klaren warst, dass eines Tages Musik machen wirst. Woher hast du dieses Selbstvertrauen?


Ich habe keine Ahnung. Ich bin sehr emotional und ich sorge mich sehr, aber es ist mir auch scheißegal, und so gibt es eine ganz bestimmte Dynamik zwischen diesen beiden Dingen. Ich gehe auch auf eine ganz bestimmte Art und Weise durchs Leben, wobei mir natürlich viele Möglichkeiten geboten werden, nur weil ich so aussehe, wie ich aussehe, und ich glaube, da spielen viele gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Aber ich mache mir auch wirklich viele Gedanken, und es ist mir auch gleichzeitig alles scheißegal. Ich gehe einfach so durchs Leben, wie ich will, und ich habe auch viel durchgemacht, als ich jung war, emotional, und habe eine Menge wirklich schwierige Dinge erlebt. Also kann ich jetzt verdammt noch mal machen, was ich will.


Das stimmt, ja, aber gibt es noch Momente, in denen du daran gezweifelt hast, dass du Musik machen wirst?


Ja, aber das war mir egal. Ich habe mir einfach gesagt, ich mache es trotzdem. Was, wenn es nicht klappt? Dann habe ich mir immer gesagt: na ja, es muss klappen. Jedes Mal, wenn ich sagte, was wäre, wenn es nicht klappt, hatte ich insgeheim so etwas wie einen Gottkomplex im Hinterkopf. Es ist wie: Nein, es wird passieren, und ich fühle mich immer noch so, sogar bei bestimmten Dingen. Ich bin einfach delusional und fake mich durch alles durch.


Oh, das verstehe ich. Das ist mein ganzer Karriereplan.


Das ist alles, was jeder macht. : Was glaubst du, wie wir die Leute an der Macht haben? Glaubst du, dass sie wirklich verdammt talentierte, gute Menschen sind? Nicht in Amerika und wahrscheinlich auch nicht in vielen anderen Ländern. Alle sind delusional.


Frauen sollten eh mehr delusional sein.

Welchen Rat würdest du jungen Mädchen geben, die den Traum haben, Musikerin zu werden?


Wahrscheinlich werden dir 1000 Leute sagen, dass du nicht richtig aussiehst, dass du nicht in ein bestimmtes Marketingkonzept passt. Sie verstehen dich einfach nicht. Du wirst auch immer wieder auf Leute treffen, die dich für eine Bitch halten, weil du für dich selbst einstehst. Ich bin sehr stolz darauf, eine Bitch zu sein. Ich bin sehr stolz darauf, dass viele Leute in Hollywood wahrscheinlich sagen würden, dass ich eine absolute Bitch bin, mit der man arbeiten muss. Das sind die Leute, denen man nicht trauen sollte. Wenn du jemals jemanden sagen hörst, dass schwierig ist, mit einer Frau zu arbeiten, dann weißt du, dass das wahrscheinlich jemand ist, dem du nicht vertrauen solltest. Du musst nur mutig genug sein, um als Bitch bezeichnet zu werden. Das wird wahrscheinlich so oder so passieren.


Das ist so ein guter Ratschlag. Und wenn ein Mann für sich selbst einsteht, sagt jeder…


Er ist so stark!


Weißt du, meine beste Freundin und ich arbeiten in genau demselben Umfeld und sie wird enorm unterschiedlich behandelt, nur weil wir beide so sind und so aussehen wie wir. Ich denke das einzig wirklich Coole daran, in diesem Sinne privilegiert zu sein, ist, dass ich, wenn ich als Bitch beschimpft werde, trotzdem arbeiten gehe. Mir werden immer noch Jobs und Möglichkeiten geboten, auf eine andere Art und Weise als meiner besten Freundin.


Wer war dein Vorbild, als du aufgewachsen bist?


Beyoncé.


Und wie fühlt es sich an, dass du jetzt ein Vorbild für jüngere Mädchen bist?


Ich denke auf eine gute Art und Weise anders über Beyoncé, denn ich erinnere mich daran, dass ich zu Beginn meiner Karriere und auch jetzt noch Angst davor hatte, dass jemand zu mir aufschaut. Ich hatte große Angst davor, weil ich niemanden enttäuschen wollte. Aber ich glaube, jetzt habe ich erkannt, dass, wenn die Leute zu mir aufschauen und ich unglaublich fehlerhaft bin, dann muss auch Beyoncé Fehler haben, was mir sehr viel Trost spendet. Ich habe eine Menge Dinge getan. Ich habe eine Menge Dinge gesagt. In den nächsten zwei Stunden werde ich wahrscheinlich 10 Mal Mist bauen. Also akzeptiere ich es jetzt mehr.

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