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  • AutorenbildNeele Hoyer

fiio: „Die Mitte 20er sind die zweite, echte Jugend“

Der österreichische Newcomer fiio im Interview mit Neele Hoyer

credits: Lana Cerha

Zerrissenheit, Unsicherheit, Erwachsen werden, sich verloren wiederfinden und eigentlich alles, was wir in den 20ern so erfahren, greift fiio auf und verpackt es in Geschichten, eingehüllt in einen Playlist-artig anmutenden Mix an Genre-Mänteln. Damit ist er nicht nur musikalisch, sondern auch textlich einer der spannendsten Artists der deutschsprachigen New-Wave-Szene. Der Österreicher Florian Stundner hat vor ein paar Jahren alles auf die Musik gesetzt und das Projekt „Fiio“ gestartet. Nach einigem rumprobieren, Rap-Anfängen und zwei EPs ist jetzt sein erstes Album rausgekommen – ein 15-Song langer Brecher, wie er selbst sagt. „Wir Werden Nur Was Wir Schon Sind" ist dessen Titel. Und deutet zugleich den Inhalt an. Wie die Arbeit an dem Album lief und warum er froh ist, weinen zu können, hat er uns im Interview erzählt.


"Wir werden nur, weil wir schon sind" ist ja der Titel deines Albums, das am Freitag rauskommt. Das ist ja auch dein erstes Album nach den EPs. Warum der Titel?


Ich habe ihn in einem Roman aufgegriffen und der heißt "Rate mal, wer zum Essen bleibt". Das ist so ein Kammerspiel, spielt in Berlin und ich glaube, es ist auch so ein 24-Stunden-Roman und ich glaube, es dreht sich alles um ein Paar. Es ist schon lange her, dass ich den gelesen habe. Irgendwann ganz beiläufig sagt sie zu ihm oder er zu ihr "wir werden eh nur, was wir schon sind". Ich weiß nicht, ob du das auch kennst, aber es gibt halt so Momente, wo man was liest und der Satz hängt dich so auf der Seite auf. Ich habe den 10 oder 20 mal gelesen und ich habe aber auch nicht wirklich gewusst, warum mich das gerade so berührt. Ich habe da auch nicht weiter drüber nachgedacht und den sehr abrupt einfach mal rausgeschrieben und gesagt passt, so heißt mein Album. Ich finde, der Satz hat in sich so eine Endlichkeit, was ich voll schön finde. Oder eher so eine Unendlichkeit. Der Anfang ist das Ende, das Ende ist der Anfang und wir sind da halt mittendrin. Ich fand, das hat einfach gepasst.


Was ist deine Lieblingszeile aus dem Album? Und was hat sich Florian dabei gedacht?


"Ich riech gern Büchern" hat ein paar Zeilen, an die ich jetzt gleich gedacht hätte. "Ich riech gern an Büchern, fast genauso gern, wie an dir". Ich weiß nicht, ich finde, der ist so ehrlich. Also ich finde Geruch von Büchern wirklich schön. Bücher sind einer der wenigen haptischen Dinge, die ich wirklich grandios finde. Ich wäre gern dieser sexy analoge Guy mit so einer Kamera, der alles nur auf Film schießt, aber das bin ich halt nicht. Bücher habe ich aber immer schon gern in physischer Form gekauft und am besten sind sie gebraucht. Da steckt eine ganze Welt drin – vor allem, wenn es eine*n Vorbesitzer*in hatte, den/die es vor mir berührt hat. Ich rieche halt gerne an Büchern und natürlich riecht man auch gerne an dem Menschen, den man liebt. Das ist was total Intimes und anscheinend auch das Erste, was man leider Gottes verliert, wenn man den Menschen nicht mehr in seinem Leben hat. Das fand ich einfach eine ur-schöne Idee.

credits: Lana Cerha

Voll schön! Du thematisierst auch super viel - worum dreht sich dein Album vor allem, wenn du das selbst beschreiben würdest?


Um einfach alles. Ich würde es festnageln auf einen Zustand, den ich jetzt gerade in meinem Alter, so in diesen Mitte 20ern, als zweite oder echte Jugend erfahre. Ich habe immer gedacht, das Teenagerdasein ist das, wo alle Emotionen eigentlich passieren. Aber ich finde, das ist gar nicht so, weil da ist man eigentlich noch ein Kind. Man ist total fragil und kann noch nicht so wirklich mit sich selbst, zumindest war das bei mir so und mir ist dann aufgefallen, dass ich jetzt gerade so ein erwachsenes jugendlich sein habe. Mir passiert viel Blödes, mir passiert aber auch wahnsinnig Großartiges. Und ich habe auf einmal diese mentale Kapazität, mir dessen bewusst zu werden, was das eigentlich für mich bedeutet. Ich weiß, was hinter mir liegt. Ich weiß, was vor mir liegt und indessen überrennt einen diese Masse an Gefühlen, Ängsten und Wünschen. Darum geht es in dem Album.


Das ist richtig schön gesagt! Dein Intro und Outro machen dein Album ja generell super rund. Was war dein Anreiz, das Intro so zu gestalten, wie du es gestaltet hast?


Während des Albums hat sich einer meiner besten Freunde der Literatur bekannt, ist zum Schriftsteller geworden und hat sein erstes Buch geschrieben. Arad Dabiri heißt er. Er hat das Intro und Outro initiiert und ich habe es dann wort-technisch geremixt. Die Idee, das Album in eine Geschichte zu rahmen, fand ich super spannend und die war eben der Sieg über die Technologie. Dass eine KI versucht, eine Geschichte zu erzählen, die der Mensch dann am Ende schafft. Das war ein bisschen aus den Entwicklungen während der Albumentstehungsphase heraus, wo die ganze Chat-GPT-Nummer immer größer geworden ist. Ich habe jetzt keine Angst davor, aber natürlich beeindruckt einen sowas im ersten Moment. Man denkt sich, wow, jetzt ist so ein Schritt getan, den hätte man lange nicht erwartet. Da wollte ich ein Zeichen setzen und sagen: Hey, es gibt noch Dinge in der Kunst, die eine Künstliche Intelligenz nicht hinkriegen wird. In der Maschinenwelt am Anfang ist es sehr befremdlich. Deswegen heißt die Stadt auch nicht Wien, sondern hat eine Nummer. Das habe ich mir ein bisschen aus diesen ganzen dystopischen Romanen geklaut. Als Mensch im Outro ist es natürlich eine organischere Geschichte, die erzählt wird.


Auch deine Hassliebe zum Internet und die Verwirrung ziehen sich ja auch immer wieder durchs Album. Wie ist denn eigentlich deine Beziehung zum Internet für dich?


Ambivalent. Ich finde, es ist ein Ort, wo Menschen unglaublich kreativ sein und zueinander finden können. Aber es ist leider Gottes auch ein Ort, an dem Menschen wahnsinnig schlechte Seiten von sich präsentieren können. Und das macht es einfach zu einer gefährlichen Mischung, bei der es wirklich auf deinen eigenen Algorithmus ankommt, wie deine Erfahrung mit dem Medium an sich ist. Man glaubt dann immer, es ist ein selbstbestimmendes Ding und das finde ich so verwirrend dran. Die Firmen, die diese Dienstleistungen zur Verfügung stellen, sagen: es ist eine User Experience, du bist dafür verantwortlich, wie deine Experience ist. Finde ich gar nicht. Du wirst gelenkt. Gerade, wenn geopolitisch schlimme Sachen passieren wie aktuell. Du wirst schnell mit Inhalten konfrontierst, die deine Psyche ruinieren. Ich finde es schlimm, dass es da keine Mechanismen gibt, durch die man beschützt wird. Man ist total auf sich allein gestellt in diesem Dschungel. Es wird für mich auch immer schwieriger, im Internet zu sein. Ich bin manchmal gern dort, wenn ich z.B. Gitarrist*innen und Songwriter*innen sehe, die wahnsinnig tolles Zeug machen oder tolle Leute, die wahnsinnig schlaue Sachen sagen. Aber ich sehe halt auch wahnsinnig viel beschissenes Zeug.

Welcher Film ist eigentlich gemeint in "Ich riech gern am Büchern", bei dem du jedes Mal heulst, den du eigentlich nicht magst?


Boah, das ist eine ur-gute Frage, da gibt es so einige. Nicht mögen ist auch immer ein starkes Wort. Aber ich habe eine komische Beziehung zu Kitsch. Eigentlich habe ich eine Aversion dagegen, weil ich mir jedes Mal denke, warum emotionalisiert mich so etwas hochkapitalistisches so. Wenn ich jetzt zum Beispiel Weihnachts-Liebesfilme schaue, super geil, ich heule auch jedes Mal. Aber ich finde das jedes Mal Wahnsinn, weil ich weiß natürlich, was da dahinter steht. Unglaublich, dass das sowas Intimes in mir auslösen kann. Ich fühl mich dann einfach ein bisschen exposed. Warum bin ich nicht schlauer als das? Ich würde sagen: Tatsächlich Liebe. Jedes Mal heule ich, furchtbar. Immer bei denselben Szenen. Und ich weiß ganz genau, was passiert. Ich fühle mich fast schon konditioniert wie so ein Hund. Aber andererseits: Gott sei Dank bringen mich Filme zum Weinen. Gott sei Dank kann ich weinen. Ich bin sehr froh darüber.


Amen! Hast du das Gefühl, dass sich dein Sound jetzt bis zum Album hin verändert hat? Oder auch vielleicht während des Album-Prozesses?


Ja, also während dem Album ganz stark. Ich finde, das Album ist ja auch ein bunter Mix. Es gibt mehrere Gründe, warum Jakob (Jakob Lippert, fiios Produzent) das so wollten. Also ich glaube, gerade in so einer modernen Welt wollte ich auch Menschen abholen, die mit Musik ganz anders groß werden als ich. Ich bin mit CDs großgeworden. Das waren halt immer Alben, wo man schon skippen konnte, aber man hat es eher nicht gemacht. Jetzt kommen Menschen in den Genuss von Musik über eine Plattform, die alles Playlist-basiert macht und wo Dinge eher wegen einer Mood oder einem Vibe zusammengewürfelt werden. Ich finde das teilweise total cool. Aber das ist schwierig für Alben. Unser Ziel war, dass es sich ein bisschen wie eine Playlist anfühlt, thematisch aber trotzdem einen roten Faden hat. Und ich glaube, das ist uns eigentlich ganz gut gelungen. Wo von Indie-Pop, Rock bis Punk-Avancen, Electronic, Country und Singer-Songwriter alles dabei ist. Durch diese Freiheit, dass wir das immer schon so machen wollten, haben Jakob und ich die Spielwiese genossen, uns immer neue Sachen gezeigt oder alte Sachen, die wir wieder cool finden, haben uns von all dem leiten lassen und das war schön. Das passiert auch noch immer, aber jetzt hat es sich ein bisschen gesettelt.


Ist die Zerrissenheit und diese Bindungsangst, die Kapitalismuskritik und all das mehr Fiio oder mehr Florian?


Florian. Ich bin kein Artist, der aus der Kunstfigur heraus schreibt, das sind schon alles "Mix-Tapes" aus privaten Erfahrungen, Tagträumereien, Büchern, die ich lese, Filmen, die ich schaue, Freund*innen von mir, die Dinge erleben. Ich werde öfter gefragt, ob das alles mir widerfährt. Aber ne, das sind ja alles Mixturen aus ganz vielen verschiedenen Dingen. Und das ist auch gut so. Irgendwo braucht man auch eine Distanz, sonst wäre es mir auch zu privat, um ehrlich zu sein.

credits: Lana Cerha

Es gibt bei Musik ja auch immer Songs und Worte, da ist es doch egal, worum es wirklich geht. Wenn es dich als Hörer*in berührt und du irgendwie an eine Person bei dir denkst, dann hat der Artist doch alles geschafft. Veränderst du eigentlich auch selbst was oder können es nur die anderen?


Das ist eine tolle Frage! Wenn man da jetzt in Richtung Weltgeschehen denkt, dann bin ich immer dafür, dass meine Aufgabe als Individuum in einer Gesellschaft ist, so laut zu schreien, bis Menschen, die in dieser Position sind, etwas zu verändern, was verändern. Ich kann als einzelner Mensch, der ich bin, meinen eigenen Fußabdruck reduzieren. Und da schaue ich auch drauf. Aber die wichtigste Aufgabe, die ich in mir als Mensch sehe, ist, Musik zu machen, womit sich Menschen geborgen fühlen können. Bei der Menschen vielleicht eine Stimme wiederfinden, die sie selbst so nicht haben. Dass es einfach was hervorholt. Musik ist für mich was sehr Therapeutisches. Aber ja, wir müssen immer weiter laut schreien für Missstände in unserer Welt, die sich bis dato nicht verändern. Und ich glaube, das ist unsere Aufgabe, da immer weiter gegen anzukämpfen. Das ist eine Türe, die man so lang eintreten muss, bis es die Leute verstehen.

Wer ist dein*e Favorite Newcomer*in gerade?


Von Ennio bin ich großer Fan, weil ich A) finde er ist wahnsinnig sexy und B) er ist ein unglaublicher Musiker. Aber ich habe da noch wen, die Band heißt Easy Easy. Großartige Band. Kann ich sehr empfehlen.


Wer ist dein liebster Flinta*-Artist?


Wenn man jetzt so Richtung UK und so schaut bin ich ein großer Boygenius-Fan. Da hat mich Jakob drauf gebracht, als er mir auf dem Weg zum Nürnberg-Pop die erste EP gezeigt hat. Finde ich großartig. Also Phoebe Bridgers finde ich sowieso grandios. Wenn es jetzt um deutsche Texte geht, finde ich österreichmäßig die Eli Preiss wahnsinnig spannend und cool, die mag ich sehr gern. Und in Deutschland finde ich die Serpentin sehr cool.


Hast du die Songs aus deiner "Muss ich noch hören"-Playlist eigentlich mittlerweile gehört?


Nein. (lacht) Ich habe viel zu tun heute anscheinend. Was ist denn da drinnen? Jetzt muss ich während unseres Interviews schauen. (schaut kurz) Boah, die ist ja super alt. Da sind ja die Free Nationals, crazy. Ich mein fairerweise muss man sagen, das Bilderbuch-Album habe ich rauf und runter gehört, weil das ist unglaublich. Wetleg habe ich gehört. Alfie Templeman auch und beabadoobee… Sorry, ich muss mal revidieren, beabadoobee auch noch ganz weit oben auf meinen Flinta*-Artists, weil die finde ich absolut cool. Aber anscheinend habe ich echt nicht alles gehört. Jetzt bin ich total exposed. (lacht)


Er ist ein Hippokrat, wenn es um seine Spotify Playlisten geht.


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