top of page
  • AutorenbildNeele Hoyer

Flutwelle und die Stadt aus Eisen

ein persönlicher Nachbericht von Neele Hoyer

Im tiefsten Sachsen-Anhalt liegt der ehemalige Tagebau Golpa-Nord – jetzt: Ferropolis. Ehemals Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur ist sie heute Ankerpunkt für HipHop. Als größtes seiner Art in Deutschland hat es seit 25 Jahren (ja, 2023 gab es runden Geburtstag!) den Status „Familientreffen“ inne. Was das heißt? Bekannte Rap-Acts aus u.a. Deutschland, den USA oder England stehen neben frisch gebackenen Künstler*innen im Line Up. Und damit erlebt man drei Tage feinste Tunes in einer ehrwürdigen Location. Ich war letztes Jahr zum ersten Mal da – und fands genial! Dieses Jahr hätte ich mir vom Line Up – gerade für das Jubiläums-Jahr – etwas mehr erhofft. Trotzdem war Ferropolis auch dieses Jahr sehr gut zu uns!


Was ich schon kannte: das Gelände. Ich konnte die letzten Meter bis zum VIP Camp blind fahren, verlaufe mich nicht mehr und finde auf Anhieb jede Bühne. Was ich aber auch schon kannte: Die Crowds, die das Splash! anzieht. Immer eine bunte Mischung aus weltoffenen, coolen Leuten und misogynen Kleinstadt-Dudes, für die das „Splash!“ eine Art Ekstase-Phase einmal im Jahr zu sein scheint. Als Frau muss man dem also einfach aus dem Weg gehen – gerade, wenn man auch mal Bock auf Moshpits hat. Weil die immer irgendwo zwischen „man hat Bock und will ne gute Zeit“ und Aggressionen straffrei ausleben können sind. Da geht es nämlich meist deutlich härter und aggressiver zu als auf Konzerten des Moshpit-Geburtsgenres: dem Metal(-Rock). Ich persönlich feier es eher weniger, Ellenbogen und Schultern im Kiefer zu haben, wenn ich einfach nur die Artists auf den Bühnen abfeiern will – aber auch da habe kann man ´ne gute Mitte finden.


Wie das Splash! dieses Jahr allerdings angefangen hat? Mit ´nem Roadtrip vom Münsterland nach Sachsen-Anhalt. Alleine. 5 Stunden und einige Pipi-Pausen habe ich gebraucht, und die letzte halbe Stunde Landstraße gab´s zwei Lager in meinem Kopf. Team „Mega Bock, das wird WILD“ auf der einen Seite und Team „Alleine? Fühlst du dich sicher genug? Was ist, wenn du Migräne bekommst?“ auf der anderen Seite. Und guess what: das war selbstverständlich alles unnötiges Gedankenkarussell. Aber dazu später nochmal mehr. Das in der Schlange stehen zum Bändchen abholen habe ich erst verflucht und dann geliebt – weil auf einmal Jule, aka ½ der Flutwelle-Projektleitung, neben mir stand. Direkt zu Anfang also den schönsten Zufall mitgenommen und ums auf dem Gelände zusammentelefonieren drumherum gekommen – das war nur herrlich!


Danach ging´s flott daran, das Zelt aufzubauen und alles einzurichten. Mit dem Wurfzelt von Vaddern war das nicht nur schön einfach, sondern auch schön schnell. Das Gelände hat ja auf mich gewartet und es war schon 18 Uhr. Damit war ich für mein persönliches Highlight – Paula Hartmann auf der Mainstage – leider schon zu spät.

Deshalb erstmal treiben lassen und die Energie des Festivals aufsaugen. Kitty Kat, die Berliner Rapperin, hat währenddessen den Playground abgerissen. Im Pressebereich ist das Internet wieder so gut, dass ich nicht mehr vollständig von der Außenwelt abgeschnitten bin und Jule slided in meine Messages: $oho Bani am Splash! Beach – da sag ich ja! Fast anderthalb Stunden spielt Felix aka $oho da ohne Playback. Der See war voll mit tanzenden Leuten und viele Schultern in den Reihen vor uns auch. Ist aber auch klar, wenn eine DER Gesichter des Berliner New Wave im Ferropolis mit leichtsinniger Melancholie einheizt.

Next up wurde kurz Shindy zugehört, aber das verliert mit dem Erwachsen werden als weiblich gelesene Person und dem Hinterfragen von mehr oder minder durch die Blume misogynen Texten einfach irgendwann nicht mehr so gut. Trotzdem erstaunlich, wie viele Frauen ein Sonnenbad mit Michael Schindler genossen und alles mitgefühlt haben. Die deutsche Rapperin Zara hat ihrem Publikum auf der Green Stage mit ihren atmosphärischen Songs ´ne sehr gute Zeit beschert und war damit eine der hochspannenden und doch – wie immer – unterrepräsentierten FLINTA*-Acts. Was auch immer wieder auffällt (vermutlich eher den weiblich gelesenen Zuschauenden): Weibliche Acts, gerade im HipHop und Rap, ziehen weniger Publikum an. Das liegt sicherlich nicht an der jeweiligen Bekanntheit, sondern eben auch daran, dass sich heteronormativ männliche Personen weniger gerne zu Fans von weiblichen Acts bekennen. Also Appell an alle Allies und heteronormativen Dudes da draußen: Ihr lasst euch damit gerne mal richtig guten Stuff entgehen, also springt über eure Schatten – selbst wenn ihr als männlich gelesene Personen nicht in jedem Text gut wegkommt. Immerhin habt ihrs damit trotzdem besser als FLINTA*, die sexualisiert und herabgewürdigt werden. Wir können genauso schreiben, rappen, producen und mastern wie ihr. 💞

Nach ner kurzen Verschnaufpause im Pressebereich, den wir selbstverständlich erstmal ums kostbare Wasser gebracht haben, standen schon die Main-Acts an. Mein persönliches Highlight: Peter Fox. Nicht nur, weil es Peter Fox ist und eines jeden Jugendherz höherschlägt, sondern auch, weil er sich aktiv für ´ne grandiose und repräsentative Bühnenshow einsetzt. Vor lauter Menschen auf der Stage wusste man gar nicht so richtig, was man beobachten soll – aber zumindest war habe ich noch nie so eine diverse Bühnenshow von einem deutschen Künstler gesehen. Shoutout dafür an ihn, dass er als einer der wenigen männlichen Artists dafür stark macht und proaktiv in seinem Rahmen etwas ändert.


Danach gings weiter zu einem der spannendsten Köpfe unter deutschen Newcomer*innen. Nicht nur das, er ist auch noch Schauspieler, hat bereits den New Faces Award gewonnen und arbeitet als Synchronsprecher. In seiner Mukke ist irgendwas zwischen R´n´B und HipHop mit Soul-Einflüssen und ´ner Menge melancholischer Melodien: Levin Liam. Der Hamburger hat überraschend viele Leute zur Greenstage gelockt und Gänsehaut gleich mit verteilt. Unproblematische Texte mit seiner sanften, tiefen Stimme lieben wir.


Main-Act und absolut genialer Songwriter war Kendrick Lamar. Das ist für Tag 1 absolut geil gewesen. Vor allem für große Bewunderer von seinem letzten Album „Mr. Morale & the Big Steppers“. Er hat viel daraus gespielt, aber auch immer wieder die teils doch schon älteren Banger und die Mischung hat absolut Spaß gemacht. Aber auch wenns auf dem Ferropolis irre voll war, K.Dot scheint nicht unbedingt für deutsches Publikum gemacht zu sein, oder das Publikum nicht für ihn. Zu viele standen einfach nur rum und haben auf die Stage gestarrt. Bei den grandios gewordeten und emotionalen Lines hätte ich mir gewünscht, dass alle genauso gerne mitgehen wie mit den energetischen Songs „Humble.“ oder „Loyalty“.


Spannender wurde es zur später Stunde aber auch nochmal – da wird der Playground offizielle After-Party-Location. Erst mit Jonny5 & Fergy53, danach mit dem jungen Berliner DJ Southstar. Von feinstem Wiener Lo-Fi-Rap und Distortion-Trap von der Sportsrecord Gang um Jonny und Fergy gings über in die 90s Vibes mit (Trance-)Techno und Tech-House. Das war n absolut geiler erster Tag – also schön allein zurück zum Zelt und ab auf die Iso-Matte.

Neuer Tag, neues Glück oder so. Das war zumindest mein erster Gedanke, mit dem ich Freitags um 12 (absurd lange für Festival-Camping, ich weiß) aus dem Zelt gekrochen kam. Deshalb erstmal zu den Sanis & danach mit dem Auto mal kurz n frisches Brötchen essen. Jule war nur donnerstags da und so begann meine Zeit alleine. Obwohl ich da echt Respekt vorhatte, war´s ´ne Art Befreiungsschlag – alles für sich selbst entscheiden und sich für nichts mit jemand anderem abstimmen müssen tut auch mal ganz gut. Und um diese Freiheit ganz auszukosten, hab ich den kurzen Nachmittagsregen produktiv genutzt und noch ´ne Stunde genapt. Frisch ausgeschlafen und fertig gemacht ging´s dann aber in den Shuttle und ab aufs Gelände – weil Freitag ein geiler Act den nächsten jagte.

First up: Haiyti. Wüsste ich nicht um ihre homophoben und rassistischen Äußerungen in der Vergangenheit, hätte mich ihr Auftreten auf der Mainstage an dem Tag sehr gefreut. Dieses Geschmäckle zeigt aber auch nochmal, dass wir mehr FLINTA*- und queere Artists brauchen, damit sich solche Themen irgendwann hoffentlich immer mehr von selbst erledigen. Und Artists gezeigt, dass man Kunstfreiheit nicht bis zum Maximum ausreizen muss, um interessant oder provokant zu sein. Ihr Auftritt war trotzdem spannend zu sehen und sie hat dem Ferropolis mit ihren typischen Haiyit-Schreien ordentlich eingeheizt. Und auch hier wieder: die Crowds sind immer dünner besiedelt und mit verhältnismäßig mehr weiblich gelesenen Menschen ausgestattet, wenn Frauen auf der Bühne stehen.


Nach ner kurzen Verschnaufpause zum social batteries aufladen bin ich den restlichen Tag von Act zu Act gelaufen. Bibiza war mein erster Anlaufpunkt – und ich hatte so Spaß! Der Wiener Akzent mit Trap-Beats hat nicht nur ein Gleichgewicht in die Geschlechter im Publikum gebracht, sondern mich auch beim Tanzen neben Majan und seine Freundin gespült. Kleiner Fangirl-Moment – ich sag nur: Sie hatte eine Wilde-Kerle-Weste an! Danach schnell zurück zur Mainstage, um Deutschlands most-loved Berlin-Sound aka August Jean Diederich aka Ski Aggu zu hören. Während ich in meinem Kopf immer noch mit mir selbst streite, ob ich seine Mukke jetzt als postpandemisch-hedonistische, drogenverherrlichende und realitätsferne Mash-Up-Musik halte oder doch für einen genialen Geniestreich von einem Musiker, der Techno, Rap und Schlager mit einem Lebensgefühl und erstaunlich viel Wissen über die Popkultur der letzten Jahrzehnte verbindet – kommt Otto Waalkes höchstpersönlich auf die Bühne. Das spricht doch wieder für Geniestreich und „Friesenjung“ mit Joost und Otto auf der Stage war nur herrlich.

Nach LIZ, Haftbefehl (mit Shirin David im Gepäck, was auch ihr erster Festival-Auftritt war), Apsilon und Souly hab ich mich an die Mainstage gesetzt und auf Badmómzjay gewartet. Habe mich beim Line-Up anschauen schon wie ein kleines Kind gefreut, dass Jordy einen der Main-Slots bekommen hat und diese Stage spielt. Sie hat´s verdient. So ging es scheinbar vielen der Festival-Besuchenden und so füllte sich alles um die Mainstage rum in kürzester Zeit. Diesmal wieder mit deutlich mehr Männern, die auch Fan von der Künstlerin zu sein scheinen. Das war nur schön - und noch schöner wärs, wenn sich alle Männer komplett offen als Fan von weiblichen Artists bekennen. Weil nein, das ist nicht schwach und du verlierst dadurch auch nicht an absurd konstruierter „Männlichkeit“, sondern einfach stinknormal. 🤍


Flott hab ich mich danach auf dem Weg zu Domiziana gemacht – unser Queen of Hyperpop. Ihr Lampenfieber hat man ihr auf der Bühne kein bisschen angemerkt und einfach abgerissen von vorne bis hinten. Zu Techno-Beats und inmitten der ravenden Crowd war das ein richtiges Fest! Badmómzjay hat es sich als Highlight auch selbstverständlich nicht nehmen lassen, Domiziana für „Auf die Party“ zu joinen und die Energie der beiden miteinander hat man auch vor der Bühne gespürt. Schön wars!


Ein paar weitere Highlights des Freitagabends waren NLE Choppa, Yung Lean, Bounty & Cocoa in familiärer Atmosphäre auf der Green Stage, RapK und Trettmann als erster Main-Act. Trettis Show war sehr geil zu sehen & die Setlist war wunderbar aus seinem Jahrzehnt im Musik-Business zusammen-kuratiert.

Zweiter Main-Act war – wie im letzten Jahr auch – Lil Uzi Vert. Genauso verrückt, genauso laut, genauso freakig wie man ihn gewohnt ist, hat er anderthalb Stunden Show gespielt. Ich frag mich immer wieder, wie er es schafft, mit so viel physischer Action trotzdem noch die ganze Zeit durchzuhalten, aber des Rätsels Lösung ist wie so oft vermutlich Playback, welches er teilweise mitrappt, teilweise drumherum freestyled.

Und als wäre der Tag nicht schon voll genug gewesen gab es auch wieder ein wunderbares After-Party-LineUp auf dem Playground. Viko63 & Penglord haben, inspiriert vom 90s Rap-Sound, von langsamen House- bis schnellen Break-&Technobeats alles - und damit den passenden Sound fürs Splash! vorbeigebracht. Mein letzter Stopp war die unglaublich liebe „3LNA“, die in ihrem Sadgirl-D&B die unterschiedlichsten Genre-Einflüsse verbindet und immer irgendwo zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit mit verträumt bittersüßem Großstadt-Vibe.


Es war mir ein inneres Blumenpflücken und das Splash!-Wochenende hat jedes Jahr nen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Wenn ihr da nächstes Wochenende auch Bock drauf habt, das nächste Splash! findet vom 04.-06. Juli 2024 statt. Wir sehen uns in Ferropolis!



Comments


bottom of page