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Verifiziert: "das ist so eine vollkommende Schusseligkeit"

Natalie Voß im Interview mit Verifiziert

credits: @zeitfang

Anfang März hat die Wiener Musikerin Verifiziert ihr neues Album „adhs“ released und damit, wie es zugegebenermaßen zu erwarten war, einen richtigen Brecher rausgehauen. Sie besticht mal wieder mit der Kombi aus entspannten Beats und träumerischen, aber dennoch gehaltvollen Texten. Was sie sich bei dem Album gedacht hat und warum es in ihrem Kopf meistens weitaus weniger entspannt zugeht als auf dem Tonträger, verriet sie mir im Interview…


Wie geht’s dir, so kurz vorm Albumrelease? Vorfreude oder Aufregung?


Ich bin auf jeden Fall voll aufgeregt und es ist momentan viel zu tun. Gerade ist es echt etwas komisch. Ich freu mich sehr, wenn das Album draußen ist, weil ich es einfach liebe und vor allem die Videos dazu, aber sobald ich etwas release ist es irgendwie einfach weg. Ich schau mir das dann einfach gar nicht mehr an. Einerseits bin ich super auf das Feedback gespannt, andererseits bin ich auch froh, wenn ich wieder ganz viel Platz im Kopf für neue Musik hab.


Zwei Tracks von der Platte hattest du ja schon im Vorhinein veröffentlicht. „Crash“ und „Suzuki Swift“. Wieso hast du dich ausgerechnet für die beiden Songs entschieden?


Also bei „Crash“ war es so, dass der Song vor längerer Zeit schon entstanden ist. Im Juni glaub ich. Und das war so einer von den Songs, der innerhalb von zwei Stunden einfach von null auf fertig war. Und diese Songs sind halt immer was ganz Besonderes. Das fühlt sich einfach so richtig an, wenn ein Song superschnell fertig ist und man ihn aber gleichzeitig nie tot hören kann. Und bei „Crash“ war mir dann halt direkt klar, das muss eine Albumsingle sein.

Und war das dann bei Suzuki Swift genau dasselbe?


Also ich fand vor allem das „Crash“ und „Suzsuki Swift“ total gut zusammenpassen. Die haben irgendwie dieses städtische, deswegen haben wir dann auch spontan beide Musikvideos in Tokyo gedreht, obwohl das eigentlich nur für „Crash“ geplant war.


Über Suzuki Swift meintest du halt auch mal, dass dir der Song besonders am Herzen läge. War das auch ein Grund und was genau meintest du eigentlich damit?


Ja, genau. Also „Suzuki Swift“ und auch der Song „Nicht angeschnallt“ sind beides Lieder, in denen es um eine Zeit geht, in der ich so 16 war. Ich kannte da jemanden, der gedealt hat und mich immer wieder mitgenommen hat auf seine „Arbeitswege“ (lacht). Und ich habe halt erst beim Schreiben der Songs gemerkt wie abgefucked das eigentlich war. Das war quasi so ein bisschen therapeutisch für mich, weil ich da erst realisiert habe, wie arg das war, weil ich eben einfach ein Kind war. Und deswegen hat mir das einfach total viel bedeutet. Außerdem hat mein Freund das Video von „Suzsuki Swift“ gefilmt und ich habe das erste Mal selbst geschnitten, worauf ich auch echt stolz war.

Okay also sind da richtig viele und vor allem voll verschiedene Sachen hinter, die den Song besonders für dich machen. Das Album an sich wird ja „adhs“ heißen und vor kurzem bist du auch mit deiner eigenen ADHS-Diagnose in die Öffentlichkeit gegangen und hast immer wieder erwähnt, dass ADHS bei Frauen super oft versteckt bleibt. Kannst du dir erklären, woran das liegt?


Also ich habe da selbst super viel recherchiert. Es gibt wirklich viele Gründe und es fängt halt schon im Kindesalter an. Mädchen werden als Kind schon so sozialisiert, dass sie halt vor allem dadurch Komplimente bekommen, dass sie brav und süß und vor allem still sind. Und dadurch, dass sowas von Mädchen oft erwartet wird, wandert das ADHS größtenteils in den Kopf. Das heißt diese krasse Hyperaktivität, die bei Jungs oft wahrgenommen wird, findet bei Mädels genauso statt, aber einfach innerlich. Deswegen werden die meisten Frauen auch erst Mitte 20, wenn der „Erwachsenen-Alltag zum ersten Mal so richtig beginnt, diagnostiziert. Irgendwann checkt man erst, dass man manche Dinge nicht so schafft wie andere und erst dann wird man aufmerksam darauf und sucht sich im Optimalfall Hilfe.


In welcher Hinsicht schafft man Dinge nicht so wie andere? Dass man quasi so viele Internettabs aufhat, dass man viel mehr Zeit für sich und einfach länger zum Regenerieren braucht?


Ja, also einerseits das, anderseits ist es dann auch so, dass man es zum Beispiel einfach nicht schafft pünktlich zu kommen, dass man wirklich die ganze Zeit irgendwelche Dinge vergisst und sowas halt. Das ist so eine vollkommende Schusseligkeit, die man null unter Kontrolle hat und auch nicht kriegt.


Und wo würdest du sagen äußert sich das am meisten bei dir?


Am meisten zeigt es sich bei mir in innerer Unruhe, ständiger Nervosität und in Rastlosigkeit. Aber auch so Impulskäufe sin zum Beispiel ein krasses Problem. Ich kauf ganz viel, was ich gar nicht brauch, einfach weil ich das null kontrollieren kann. Das ist auch ein typisches Symptom.

credits: @zeitfang

Und worin gründet das? Also wie hängt das dann konkret mit dem ADHS zusammen?


Es ist einfach so eine Impuls-Kontrollstörung, die dafür sorgt, dass man Dinge macht bevor man nachdenkt. Das zeigt sich auch oft darin, wenn ich Leuten einfach viel zu schnell ins Wort falle.


Also wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, entspricht ADHS bei Frauen oftmals nicht diesem Klischee behaftete Bild vom wild tobenden Kind, sondern ist viel intrinsischer und für die Außenwelt dadurch einfach weniger auffällig. Was halt überhaupt nicht heißt, dass das ADHS daher schwächer ausgeprägt ist, richtig?


Ja, genau!


Gibt es denn etwas, was du basierend auf deiner Recherche aber vor allem auch persönlichen Erfahrung mit der Krankheit jungen Frauen raten würdest, die vielleicht den Verdacht hegen selbst ADHS zu haben?


Ich muss sagen, am meisten hat mir einfach die Diagnose geholfen. Dadurch konnte ich erkennen, was alles gar nicht mein Fehler oder meine Schuld ist, weil so viel einfach vom ADHS kommt. Deshalb ist meine Hauptempfehlung sich einfach mal ganz genau mit den Symptomen auseinander zu setzten und zur Ärztin zu gehen. Irgendwann versteht man dann, dass man nicht schlechter ist als andere, sondern es einfach nicht anders kann.

Um jetzt zum Schluss nochmal den Bogen zur Musik und vor allem deinem musikalischen Schaffungsprozess zu spannen: Inwieweit beeinflusst dich das ADHS beim Musik machen?


Ist ehrlich gesagt voll schwer zu sagen, weil ich es immer schon habe. Aber ich hab schon mitbekommen, dass wirklich sehr, sehr viele Musik-Kolleg:innen von mir das auch haben. Da bekommt man ein bisschen das Gefühl, dass Menschen mit ADHS vielleicht etwas kreativer sind, weil sie die ganze Zeit so viele Sachen im Kopf haben. Aber das ist nur eine Vermutung.


Wie es auch sein mag, eine Sache steht außer Frage: Es ist ganz schön mutig von Veri und definitiv auch keine Selbstverständlichkeit, so offen über die eigene Diagnose zu sprechen. Umso wichtiger ist es, dass gerade Musikerinnen wie sie, die nun mal oft auch als Vorbild fungieren, auf das „versteckte“ ADHS bei Frauen aufmerksam machen. Kleiner Tipp: Das Album heißt nicht nur einfach „adhs“, Veri hat ihrer Diagnose auch einen gleichnamigen Song auf der Platte gewidmet. Dadurch, dass das Thema hier im künstlerischen Kontext verpackt ist, wird es einem auf eine ganz neue Art und Weise zugänglich und vor allem sehr nahbar. Reinhöhen lohnt sich!



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