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  • AutorenbildSelli Hahn

SERPENTIN: "das soll das year of not giving a shit und being yourself sein"

Selli Hahn im Interview mit Selli Hahn

credits: Fiona Kutscher

Es ist Donnerstagmorgen, Serpentin und ich sitzen bei mir am Frühstückstisch und führen dieses Interview, was ihr jetzt hier lesen könnt. Am Abend vorher war das Mele Konzert bei dem sie als Support aufgetreten ist und irgendwie hat Serpentin es so gut geschafft, das Publikum mitzureißen, wie man es selten bei Supportacts sieht. Nach der Show haben wir noch etwas geredet und ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht, welche Fragen ich im Interview stellen soll. Am Ende haben wir über ihren Namen, die Geschichte ihrer ersten EP, Lampenfieber und was eine CD in einer Müslipackung mit ihrem Job als Musikerin zu tun hat, gesprochen.


Serpentin macht schon gefühlt ihr ganzes lang Leben Musik. Die 26-Jährige veröffentlichte im Oktober des vergangenen Jahres ihre erste EP mit dem Namen "Sturm & Drang", welche eine Zeit von vier Jahren ihres Lebens umfasst und erzählt.

Aktuell wird ihre Musik von Elektro Beats und Synths geprägt. Ihre Texte sind melancholisch und werden von den starken Beats getragen und perfekt von ihrer markanten und doch sanften Stimme umrahmt. Sie beschäftigt sich in ihren Songs auch immer wieder viel mit dem Thema Mental Health. Für viele mögen sich ihre Songs beim ersten Hören sehr kantig und ungewohnt anhören, aber genau das macht ihre Musik so besonders und einzigartig.

Wenn man dich noch nicht kennt, was sollte man unbedingt über Serpentin wissen?

Ich glaube, was man über mich wissen kann oder sollte ist, dass ich seitdem ich 14 Jahre alt bin, meine Songs selbst produziere und ich sehr offen über Mental Health spreche. Sowohl in meiner Musik als auch auf Social Media.


Das sind doch zwei super Facts. Ich liebe deinen Künstlernamen Serpentin, gibt es irgendeine tiefere Bedeutung hinter dem Namen oder wie kamst du darauf?

Ich hatte früher einen anderen Künstlernamen, aber der war zu kompliziert zum Aussprechen und deswegen habe ich mich irgendwann entschlossen, den Namen zu ändern. Ich wollte früher mit einer Freundin zusammen ein Elektro Projekt starten und hatte dafür den Namen Serpentin eigentlich reserviert. Das ist mir einfach in den Kopf geschossen damals. Ich habe für mein eigenes Projekt ungelogen 10 Monate lang jeden Tag überlegt und das Internet nach einem Namen durchforstet. Aber ich habe einfach nicht den passenden Namen gefunden und bin dann irgendwann zurück zu Serpentin gekehrt.

Der Name Serpentin ist wortverwandt mit Schlange und ich habe eine Schlange auf meinem Unterarm tätowiert und wollte auch immer Schlangen haben. Im Kindergarten damals erzählte ich immer, dass meine Oma mir eine Schlange gekauft hätte. Außerdem gibt es dann noch einen Edelstein, der ebenfalls Serpentin heißt und der hat dieselbe Farbe wie meine Haare. Das ist aber alles tatsächlich Zufall.


Du bist gerade auf deiner ersten Supporttour mit Mele zusammen. Wie fühlst du dich aktuell?

Vieles von allem würde ich sagen. Es ist sehr aufregend und schön und bin total glücklich, dass ich endlich rumkommen kann. Ich habe so lange in Hannover und dem Umkreis herumgehangen, was auch sehr schön war, aber trotzdem bin ich unendlich froh, unterwegs zu sein und neue Städte und Leute kennenzulernen. Es ist körperlich und emotional eine Herausforderung, weil ich sehr sensibel bin. Zudem habe ich noch extrem starkes Lampenfieber und dadurch sind die Auftritte eine Herausforderung für mich, aber zugleich auch eine gute Übung. Ich merke, wie sehr ich gerade daran wachse und wie viel ich über mich und Konzerte und das Musikmachen lerne. Die Erfahrung wird mich dann in der Zukunft immer mehr entspannen. Mit der Mele Crew ist es sehr lustig und es macht super viel Spaß! Das Publikum nimmt mich auch sehr gut an und vor allem als Support ist das nicht selbstverständlich. Ich habe das Gefühl, das Publikum feiert mit mir und das ist sehr schön.

credits: zeifang

Das klingt doch nach einer fantastischen Supporttour. Wenn du so starkes Lampenfieber hast, kannst es dann überhaupt genießen, auf der Bühne zu stehen?

Das kommt total drauf an, ob ich es schaffe, mich selbst aufzufangen in der Situation. Das ist einer der Gründe, warum ich lieber mit Band spiele, weil ich mich dann darauf verlassen kann, dass sie den musikalischen Part übernehmen und ich mich aufs Singen, Sprechen und Performen konzentrieren kann. Das tut meinem Lampenfieber sehr gut. Solo ist es schon schwieriger, aber ich lerne grade immer mehr Mittel und Wege, wie ich es dann doch genießen kann. Manchmal schaffe ich es auch nicht, aus der Aufregung herauszukommen. Es stört mich auch selbst, dass ich manchmal so anxious bin, weil ich die Konzerte dann nicht so sehr genießen kann, wie ich möchte. Ich versuche aber daran zu arbeiten. Generell würde ich das bei mir nicht nur auf Konzerte beziehen, sondern allgemein bin ich ein Mensch, der sich wahnsinnig viele Sorgen macht, was Leute über mich denken. Ich wäre das unfassbar gerne nicht, aber ich kann es auch absolut nicht leugnen. Das wird mit sich verbessernder mentaler Gesundheit, aber mit Sicherheit auch besser und braucht einfach etwas Zeit. Es ist auch schon besser geworden als früher. Die ganze Angst, die ich auf der Bühne spüre, versuche ich inzwischen auch in Bewegung, Freude und Leidenschaft für meine Performance umzuwandeln. Ich versuche meine Sorgen und Ängste nicht loszuwerden, sondern die dürfen mit mir auf die Bühne kommen, weil wenn man sie versucht loszuwerden, wird man nur noch ängstlicher. Die Gefühle anzunehmen ist das Wichtigste in solchen Situationen. Meine Therapeutin meinte auch mal: Gefühle gehen erst dann weg, wenn man sie nicht mehr versucht loszuwerden.


Du hast letztes Jahr einen Song geschrieben mit dem Titel „Alles scheiße“. Was findest du aktuell alles scheiße?

Das ist ne sehr gute Frage (lacht). Ich finds gerade richtig scheiße, dass alle meine Freunde weg sind, entweder im Urlaub oder bei Jobs. Wenn ich in letzter Zeit zu Hause war, hatte ich sehr wenig Leute, mit denen ich mich treffen konnte. Das war schon sehr blöd. Außerdem find ich gerade so vieles in der Welt scheiße. Zum einen in was für einer Lage sich die Frauen und auch Männer, die im Iran protestiert haben, befinden. Ich finde es auch super scheiße was in Lützerath gerade abgeht und die Konzerne, die hinter sowas stecken. Abgesehen davon find ich PMS auch noch richtig scheiße. Aber es gibt auch sehr viele Sachen, die ich aktuell gar nicht scheiße finde und die Sachen, die ich blöd finde, sind schon auch sehr verständlich.

Das sind super legitime Punkte, über die man manchmal auch zu wenig spricht, weil man nicht immer alles so negativ sehen will. Es passiert auch so viel gleichzeitig, dass man sich nie auf alle Dinge konzentrieren kann und überall zu 100 % informiert sein kann.

Voll! Vor allem als Künstlerin, die auf Social Media aktiv ist, finde ich es so schwer, weil natürlich habe ich eine Meinung zu all den Sachen, die in der Welt passieren und will mich dazu positionieren. Der Job ist aber auch ohne dass ich mich politisch äußern muss und möchte wahnsinnig viel. Es geht mir überhaupt nicht darum, ob das irgendjemand blöd findet, was ich sage, denn im Endeffekt ist es meine Meinung. Ab und zu poste ich dann auch Sachen, aber ich bin auch überfordert davon, mir die ordentliche und relevante Informationsmenge anzueignen. Ich will dann auch meine fundierte Meinung teilen und nicht nur meine Emotionen sprechen lassen. Aber ich bin im Endeffekt auch Künstlerin und nicht in erster Linie Aktivistin. Nichtsdestotrotz möchte ich mich positionieren und mit Leuten solidarisch sein. Im Endeffekt muss auch nicht jede:r im Internet ein Infoslide teilen, auch wenn oft der Druck da ist, das zu tun. Solange man sich überhaupt damit auseinandersetzt, egal ob im Real Life oder über Social Media, ist das doch super.


Total. Wir hatten am Anfang schon mal das Thema, das du seit deinem 14. Lebensjahr deine Songs produzierst. Wie kam es dazu?

Das Ding, wie ich zum Produzieren gekommen bin, ist eine lustige Geschichte. Ich habe schon als kleines Kind Musik gemacht und Leuten Kekse angeboten, dafür, dass sie mich singen lassen. Ich habe Leute quasi bestochen, dass sie mir beim Singen zuhören. Wenn ich daran denke, was das Interesse und die Faszination fürs Produzieren bei mir ausgelöst hat, dann war es eine Kellogs CD aus einer Müslipackung. In so einer Packung war mal eine CD mit einer DAW (Digital Audio Workstation) drauf. Also quasi ein digitales Studio, aber eben für Kinder. So ganz runtergebrochen gab es da nur Loops, die man zusammenschieben konnte und einen Turntable zum Scratchen. Das war wirklich das erste Mal, dass ich am Computer Musik zusammengeschoben habe und daran erinnere ich mich bis heute. An diesen boxigen Computer mit Windows 95. Seitdem hatte ich diese Faszination dafür und mit 14 hatte ich dann Freunde in der Schule mit FL Studio (DAW Software) und der eine Freund hat mir das dann kopiert und gegeben. Damals habe ich noch Hardstyle gemacht und war trotzdem sehr elektroaffin. Ich habe dann am Anfang Dubstep Tutorials angeschaut und meinen ersten Song habe ich bis heute aufgehoben. Mit 22 habe ich dann erst gecheckt, dass ich wirklich Produzentin bin. Zurückzuführen ist aber alles auf diese Kellogs CD. Ich dachte immer Kinderspielzeuge sind Schrott, aber ne echt nicht, das ist eine totale Bereicherung und so wichtig!


Ich liebe diese Geschichte und Hobbys fangen ja oft in der Kindheit an, deswegen umso besser, dass daraus jetzt dein Beruf geworden ist.

Du hast im letzten Jahr deine erste EP mit dem Titel „Sturm und Drang“ veröffentlicht. Magst du bisschen was darüber erzählen?

Sehr gerne sogar! Sturm und Drang ist eine Erzählung von ungefähr vier bis fünf Jahren in meinem Leben. Das war eine Zeit, in der sich mein Leben zugespitzt hat und als das 2019 vorbei war, ist die EP entstanden. 2019 war für mich das schönste Jahr meines Lebens, weil ich aus einem Muster und einer toxischen Beziehung rausgebrochen bin. Für mich hat sich wahnsinnig viel in dieser Zeit geändert und ich kann auch behaupten, dass sich mein Leben wirklich um 180 Grad gedreht hat. Das war richtig wichtig und gut für mich. Im Nachhinein habe ich die Songs, die noch während der Zeit, also kurz bevor ich rausgebrochen bin, geschrieben habe, noch zu Ende bringen müssen. Ich musste das herausbringen, um das zu verarbeiten und loszulassen, was passiert ist. Das war heftig. Auf der EP geht es um die toxische Beziehung, die ich geführt habe. Diese steht aber auch symbolisch für Struggles, die ich in meinem Leben immer hatte. Es steht für Mental Health Probleme, die schon immer da waren und für Traumata, die mich verfolgen. Ich hatte das krasse Bedürfnis, mich nochmal damit auseinanderzusetzen und das zu Ende zu bringen. Für mich war das erst geschlossen, als ich die EP veröffentlicht hatte. Das war ein echt langer und harter Weg für mich, vor allem weil ich das auch produziert und veröffentlicht habe, während ich noch gelernt habe, wie das alles überhaupt funktioniert. Es lief dann auch nicht alles, wie ich es wollte, aber die ganze EP war ein krasses Learning für mich. Ich erzähle da von den tiefsten Punkten, die ich hatte und wie ich mich da langsam rausgerissen und hoch gekämpft habe. Ich hoffe, jeder Mensch, der diese EP hört und Ähnliches durchgemacht hat, kann sich irgendwo damit identifizieren. Egal wie finster es ist, es gibt immer einen Weg heraus. 16 Millimeter ist der dunkelste Punkt in der ganzen Story. In dem Moment, als ich diesen Song geschrieben habe, hätte ich nie damit gerechnet, dass ich jetzt dieses Leben führe, welches ich aktuell führen kann. Kreise war der Song, bei dem ich mich für ein besseres Leben entschieden habe und immer mehr mit mir zu sein als mit jemand anderem. Auf eine gesunde Art und Weise natürlich. Das ist "Sturm & Drang und" nach wie vor bin ich unfassbar stolz, dass diese EP draußen für die ganze Welt zu hören ist.


Wow, das ist ein super tiefer Einblick in das alles. Vielen Dank dafür! Ich persönlich finde auch, dass man den Ausbruch aus dem allen auf der EP total hören kann. Deine Stimme ist teilweise so kraftvoll, trotz der vielen Melancholie, die in den Songs steckt und gibt einem irgendwie Hoffnung.


Danke, dass du das sagst. Nach "Sturm & Drang", als dieses wahnsinnig dramatische und finstere Kapitel in meinem Leben abgeschlossen war, habe ich mehr und mehr den Drang entwickelt, unbeschwerter zu sein. Sowohl als Mensch als auch als Künstlerin. Nicht weil ich denke, dass ich Leuten damit auf die Nerven gehe, sondern weil ich selbst das Bedürfnis habe, Songs zu haben, die einem Hoffnung machen. Ich werde immer melancholisch sein, das gehört einfach zu mir. Mit „Alles Scheiße“ habe ich auch genau das gemacht. Ich werde in Zukunft eine Mischung aus Melancholie und Beats, die einen Mitreißen machen, zumindest ist das gerade das, wonach mir ist.

credits: Fiona Kutscher

Kannst du schon irgendwas sagen, was für dieses Jahr geplant ist?

Es ist ganz viel geplant, aber bevor das alles passiert, muss erst ordentlich vorgeplant werden. Ich habe super viel vor! Es kommt auf jeden Fall bald ein neuer Song, der sehr emotional ist, den sich aber auch viele schon gewünscht haben. Da bin ich auch sehr stolz drauf! Danach habe ich vor, nur noch Banger rauszuhauen. Ein Feature wird im März rauskommen, da habe ich sehr lange darauf hin gefiebert. Das letzte Jahr über habe ich sehr viele Songs geschrieben und arbeite quasi schon an der nächsten Platte. Außerdem werde ich diesen Sommer Festivals spielen und darauf freue ich mich auch sehr.


Das hört sich doch alles sehr gut und vielversprechend an. Sind wir mal gespannt, was so passiert.

Last but not least habe ich noch meine Standardfrage: Hast du einen Tipp, Ratschlag etc. dass du anderen Leuten unbedingt empfehlen würdest oder schon immer loswerden wolltest?

Ich sag einfach, was ich mir wünsche: Ich wünsche uns allen für dieses Jahr, dass wir loslassen können und wir uns sein lassen können, wie wir sind. Die letzten Jahre habe ich so viel an mir rumgemeckert und da habe ich wirklich keine Lust mehr drauf. Dieses Jahr sind wir einfach alle, wer wir sind und akzeptieren uns alle selbst und gegenseitig. Reflexion und Wachstum sind natürlich trotzdem total wichtig, aber ich will nicht mehr ständig an mir rummeckern müssen. Das soll das year of not giving a shit und being yourself sein. Klingt sehr nach Wandtattoo, aber ist so wichtig.

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