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  • AutorenbildSelli Hahn

Mine: "Mehr Gleichheit finde ich total wichtig, nicht nur was Rechte angeht, sondern auch Zugang"

Selli Hahn im Interview mit Musikerin Mine


credits: Bastian Bochinski

Mine macht seit über 10 Jahren Musik und veröffentlichte am zweiten Februar ihr fünftes Studioalbum, welches den Titel „Baum“ trägt. Sie ist für viele ein großes musikalisches Vorbild und stagniert nie, sondern denkt immer weit über den Tellerrand hinaus und versucht sich ein eigenes Bild von der Welt zu bilden. Die Künstlerin hat sich im Lauf der Zeit einen Namen in der deutschen Musiklandschaft gemacht und findet sich hier auf ihre eigene Art und Weise künstlerisch zurecht. Einige Tage vor der Albumveröffentlichung durfte ich mit ihr sprechen. Über das Album, aber auch viel, was gerade gesellschaftlich passiert. Das ganze Gespräch war für mich sehr inspirierend und ich hoffe ihr könnt daraus auch etwas mitnehmen. P.S.: Mine geht im kommenden Monat mit dem Album auf Tour und ihr solltet euch das nicht entgehen lassen!


Es sind nur noch ein paar Tage bis zur Veröffentlichung von deinem neuen Album „Baum“. Wie fühlst du dich aktuell? Bist du aufgeregt? 


Ich bin gar nicht so aufgeregt, aber das war bei mir schon immer so. Ich bin immer vor der Fertigstellung des Albums aufgeregt, weil es für mich total wichtig ist, dass ich happy bin mit dem Ergebnis. Inzwischen weiß ich ja schon, wie das Album klingt und bin sehr zufrieden damit! Ein bisschen gespannt bin ich natürlich, wie die Leute das einordnen, aber ich hab keine großen Erwartungen. Im Kopf bin ich schon eher bei der anstehenden Tour. Letztendlich bin ich ziemlich froh, wenn das Album draußen ist, weil dann auch die Promo-Phase vorbei ist und das ist für mich mit das anstrengendste, den ganzen Tag über mich selbst zu sprechen. 


Voll verständlich! Gibt’s irgendetwas, auf das du dich die kommenden Wochen freust, abgesehen von der Tour? 


Das hat indirekt zwar mit der Tour zu tun, aber ich freu mich total, die Leute alle wiederzusehen. Wir sind alle lange Freunde und haben uns seit den Orchester-Shows im letzten Sommer nicht mehr gesehen. Ich kann es kaum erwarten, alle wieder bei mir zu haben. Außerdem freu ich mich, wenn ich endlich wieder mehr Zeit für Sport habe. Ich mache so gerne Sport und bin schon auch ein wenig hyperaktiv und konnte die letzten beiden Wochen einfach nichts machen. Heute habe ich aber endlich eine Lücke im Tagesplan und freu mich sehr darauf. (lacht sehr herzlich)



Okay Mine wir machen jetzt eine kurze Runde vervollständige den Satz. Dieses Album bedeutet für mich...


dass ich mich neu austesten konnte und irgendwie war es auch ein kleiner Selbstbewusstseins-Push, weil ich viele Dinge ausgesprochen habe, die mir gar nicht so bewusst waren, bevor ich sie geschrieben habe. 


Wenn ich mein Leben lang nur noch mit einem Instrument spielen dürfte, würde ich...


Klavier wählen, weil ich nur das spielen kann. Ansonsten hätte ich ganz klar Gitarre genommen.


Der Mine von früher würde ich gerne sagen... 


Geh in Therapie!


Als FLINTA*-Person in der Musikbranche... 


finde ich es schade mit anzusehen, dass die meisten Menschen Aufmerksamkeit und eine Bühne bekommen, weil es männlich gelesene Personen sind und dadurch keine wahnsinnige Vielfalt in die Kulturlandschaft bringen. Ich würde mich einfach freuen, wenn alle verstehen würden, dass es eine win win Situation ist, wenn ein bisschen mehr Diversität in der Musiklandschaft geboten wäre.


Am meisten verzweifle ich...


daran, wie die Menschen miteinander umgehen.


Social Media ist...

gefühlt ein Raum ohne Regeln und ein Raum der Vernetzung. Ich nehme Social Media sehr wertfrei wahr. Ich nehme positive wie negative Aspekte wahr. Gerade wenn man ein bisschen lost ist, findet man Gleichgesinnte, was ein sehr großes Geschenk ist. Das große Problem an Social Media ist die fehlende Aufklärung. Wenn man sich auf den Plattformen ein gesundes algorithmisches Umfeld baut, dann kann das sehr positiv zum Lebens- und Selbstwertgefühl beitragen, aber man muss aktiv daran arbeiten und sich nicht passiv berieseln lassen. Das ist natürlich in meiner Rolle als erwachsene Frau viel leichter gesagt, als es eben für junge Menschen ist. Es fehlt ganz oft die richtige Anleitung, wie man damit umgehen kann. 


credits: Bastian Bochinski


In deinem Pressetext steht, dass du beim Schreiben und Produzieren viel aufgeregter warst als bei den vorherigen. Woran lag das? 


Ich glaube, es lag einfach an dem Prozess. Früher hatte ich eine Idee oder eine Inspiration und dann habe ich mich direkt an den Laptop gesetzt und habe so lange geschrieben, bis es fertig war. Ich war total im Flow. Diesmal war es durch die Veränderung meiner privaten Situation etwas anders. Mein Tagesablauf ist einfach anders und ich konnte nicht immer so initiativ arbeiten, sondern habe Ideen gesammelt und sie festgehalten. Im Studio konnte ich sie dann in einer abgesteckten Zeit bearbeiten und bin öfter während dem Prozess in den Alltag gesprungen. Ein paar Wochen später war ich dann wieder im Studio und hatte wieder einen weiteren Blick von außen darauf und war kritischer. Ich wollte einfach, dass alles perfekt ist, bevor ich es meiner Band zeige. Normalerweise habe ich ihnen, aber immer sofort alles gezeigt. Deren Meinung ist mir sehr sehr wichtig und ich wollte mir den ersten Eindruck nicht verderben und war deshalb auch einfach aufgeregter. Es hat sich aber total nach einem step up angefühlt, weil ich so viel kritischer war. Ich finde es aber immer schön, wenn sich was ändert, weil Stillstand finde ich total langweilig. Ich hab einfach total neu gearbeitet und das hat mich viel weiter gebracht. 


Dein Artwork finde ich mega schön und beeindruckend. Wie kam es zu der Idee aus deinen Haaren einen Baum zu machen?


Ich hatte die Idee direkt, als ich den Song „Baum“ geschrieben habe. Ich wusste, dass das mein Albumtitel wird, weil es sich perfekt in die Reihe der vorherigen Alben einfindet. Dass aus meinem Kopf ein Baum wachsen soll, war auch schnell klar. Tatsächlich gab es ein paar Momente auf dem Weg zum Cover, wo ich verkackt habe. Das war der teuerste Shot in meinem ganzen Leben und wir hatten super tolle Artists dabei, die sich um alles gekümmert haben. Also sprich Haare, Styling und alles weitere. Nachdem die Fotos fertig waren sahen sie anders aus, als das Cover, welches man jetzt sehen kann. Ich hatte nach dem ersten Shoot ein komisches Gefühl, weil das sehr nah an black hair art dran war. Daraufhin hab ich mich dann mit Bekannten aus meinem Kreis ausgetauscht, teilweise auch Leute, die das beruflich machen und habe dann das Feedback bekommen, dass sie das nicht veröffentlichen würden. Erstmal habe ich mich total geschämt, dass mir das früher nicht aufgefallen ist. Dann haben wir nochmal alles neu gemacht und haben nur das Bild, was jetzt das Cover ist, behalten und Sophie Meyerhoff ins Boot geholt. Sie hat das Spiel gestaltet und außerdem das Cover nochmal übermalt und einen richtigen Baum aus meinen Haaren gemacht, damit es sich mehr von der black hair art abhebt. Wir wollten einfach nicht, dass es am Ende aussieht wie geklaute Kunst und wollten gegenüber POC nicht respektlos sein. Ich bin wirklich sehr froh, dass wir so eine gute Lösung gefunden haben und bin jetzt auch happy mit dem Ergebnis. Mir geht’s trotzdem oft gar nicht ums Ergebnis, sondern darum, dass der Weg dorthin Spaß macht und man neue Dinge lernt. Ohne Scham und schlechtes Gewissen dazwischen gibt es auch keine Änderung und das gehört zu solchen Prozessen dazu. 


credits: Bastian Bochinski


Du hast zu einigen deiner Songs einen Männerchor, die ffortissibros, eingeladen. Wie kams zu der Idee und Zusammenarbeit? 


Ich wollte unbedingt mit einem Knabenchor zusammenarbeiten! Über ein dreiviertel Jahr habe ich nach einem gesucht, der dann Lust hatte, mit mir zusammen zu arbeiten und weltliche Musik zu singen. Die meisten Knabenchöre, welche professionell unterwegs sind, machen nur geistliche Musik oder sind bis oben hin ausgebucht. Jan, der den Chor in Kiel leitet, hat mir dann das go gegeben für die Zusammenarbeit und ich habe mich ehrlich so gefreut! Ich habe diesmal mit anderen Sängern zusammengearbeitet, weil mir die Perspektive wichtig war. Mein eigentlicher Plan war es einen Kinderchor zu nehmen, aber die Klassikindustrie ist da noch etwas hinter der Gegenwart. Mir war wichtig, dass es eine kindliche Stimme ist, weil wir in der Gegenwart als erwachsene Menschen gerade über die Zukunft der jungen Menschen entscheiden. Es ist wichtig sich diese Perspektive, dass es hier gerade nicht um unsere Zukunft geht, vorzuhalten. Ich fand es so einschlägig ein kleines Kind „Ich bin ein nichts, mein Untergang grinst.“ singen zu lassen. Mich hat das emotional total weg geflashed. Der Denkansatz bei dem Männerchor war ein ähnlicher, aber in einem anderen Zusammenhang. Ich hatte den Text geschrieben und dieser endet mit „Junge halt es nicht zurück, denn ist okay to cry.“ Ich liebe dieses Stück und ich dachte, wenn das von einer Frau gesungen wird, dass dann das Gefühl von oben mit dem Zeigefinge beurteilt zu werden entsteht und genau das wollte ich nicht. Wenn Männer, das zu Männern sagen wird das oft als warme Umarmung mit Worten gefühlt. Ich dachte: Hey ich bin die Komponistin, ich kann mir selbst aussuchen von welcher Seite gesungen wird und hab dann gedacht, dass ich das mit einem klassischen Männerchor mache. Ich bin so oder so Fan von den ffortissibros und es hat so viel Spaß gemacht mit ihnen zu arbeiten! 



Ein Track von deinem Album heißt „nichts ist umsonst“. Was sollte deiner Meinung nach einfach umsonst sein auf dieser Welt?


Puh, sehr vieles! Fangen wir an bei Wasser und fahren wir fort mit Bahn fahren. Ziemlich gegensätzliche Sachen, aber ich finde viele Dinge sind sehr, sehr ungerecht verteilt. Eigentlich fast alles. Mehr Gleichheit finde ich total wichtig, nicht nur was Rechte angeht, sondern auch Zugang! Ganz egal ob es mit Bildung, Nahrung oder allem möglichen zu tun hat. Es gibt ja von allem auf der Welt genug, aber der Mensch ist zu egoistisch, um es gleichermaßen zu verteilen. Weltweit - nicht bloß in Deutschland. Ich könnte darüber eine halbe Stunde oder länger reden. Bei Kapitalismus abschaffen laufe ich ganz vorne in den Reihen mit. 


Magst du einmal noch kurz den Hintergrund zu „copycat“ erklären? 


Also in meinem näheren Umfeld, nicht bei mir selbst, ist das schon mehrfach vorgekommen, dass Leute von wirtschaftlich erfolgreicheren Künstlern beklaut worden sind. Das kriegt jeder immer mal so mit und lacht dann darüber. Ich finde es auf eine Art und Weise schäbig, wenn man sich an Inhalten von Künstler:innen bedient, die sehr viel weniger erfolgreich sind -  wirtschaftlich gesehen und hart am struggeln sind. Ich würde sagen 90 % der Kunst- und Kulturlandschaft kann nicht davon leben, sowie ich oder andere, die oben auf der Glückswelle schwimmen. Diese Leute sind aber gerade so unfassbar wichtig und elementar für die Diversität und Vielfalt in dieser Branche! Sich daran zu bedienen und keine Credits oder Geld abzugeben ist so unfassbar daneben. Das passiert leider immer wieder… Diejenigen die am Ende blöd dastehen, sind die, die beklaut worden sind, weil derjenige mit den meisten Fans leider immer gewinnt. Ich bin schon ziemlich lange, ziemlich sauer über diese Art und Weise. Vor allem gegenüber den Leuten, die sich selbst als links betiteln. Das enttäuscht mich einfach anders und auch auf einer Fanebene. Mit diesem Song hab ich mir Luft gemacht. 


Wenn wir sowieso schon bei diesem Thema sind, was würde der Musikindustrie deiner Meinung nach guttun? 


Mehr Subventionierung, die verteilt wird von einem Querschnitt der Kulturlandschaft und nicht nur von Leuten, von denen man denkt, dass sie der Querschnitt wären. Ganz klar! Außerdem mehr Subventionierung für Popmusik. Es wird super viel Geld in die Förderung von klassischer Musik gesteckt, jede:r sitzt in der Oper und Popmusiker:innen, die politisch auch eine Aussage haben, spielen finanziell gar keine Rolle. Außer der Initiative Musik gibt es da nicht viel und daran muss sich dringend etwas ändern! Sonst müssen Künstler:innen sich weiter an den Radiomarkt anpassen und sind in ihrer Kunstfreiheit eingeschränkt. Ich finde man merkt das auch wie weit unten Deutschland im inhaltlichen internationalen Vergleich bei Popmusik abschneidet. Das verliert alles total an künstlerischem Wert, wenn sich alle nur noch dem Markt anpassen müssen, um sich finanziell über Wasser halten zu können. Es bräuchte einfach tiefgehende politische Änderungen an diesem ganzen System! 


So letzte Frage: Hast du einen Tipp oder Ratschlag, denn du gerade heute an diesem Tag unbedingt loswerden willst?


Ich würde heute allen gerne den Tipp geben, Dinge mit wenig Leistungsdruck ranzugehen und jeden Tag versuchen, eine Sache so zu tun, wie Kinder es tun. Ohne Angst zu haben, dass das Endergebnis schlecht ist. Einfach machen, weil man gerade Lust darauf hat! Das würde uns allen etwas mehr Leichtigkeit bringen!


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