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  • Dominik Kotzur

"Es ist sehr ehrlich und sehr roh, irgendwie"

Borninmay im Interview mit Dominik Kotzur

Credits: Tom Blanc

Verträumte Nostalgie, lebendige Sommernachtsträume oder verschlafene Road-Trips sind nur ein paar Assoziationen, die einem beim Zuhören von borninmay’s EP "No Colors" in den Kopf kommen. Erst letztes Jahr im Dezember hat Borninmay mit seiner Single "Feels Like We Never Met" sein Debüt in der Musikwelt gefeiert und hat im Juli bereits seine erste EP veröffentlicht. Ich konnte den Newcomer nach einem aufregenden Sommer interviewen.


Im Interview haben wir nicht nur über seinen ersten Festival-Sommer überhaupt geredet, sondern konnten auch viele Details zur EP, zum Artwork und zum musikalischen Entstehungsprozess seiner Songs erfahren, der zugleich natürlich und unterbewusst der Musik einen ganz eigenen Charakter gibt.

Es ist September und der Sommer geht langsam vorbei. Erst letzten Winter hast du angefangen, Musik zu veröffentlichen und mit deiner neuen EP in der Hand war das dein erster Sommer als Newcomer. Wie war’s? Was hast du so erlebt?


Das war der ziemlich beste Sommer seit langem - gerade musikalisch ist echt viel passiert. Es kam alles sehr unerwartet. Ich habe ja am 03.12. "Feels Like We Never Met" recorded und released, es ist alles sehr schnell gegangen und ich habe nicht mit der Resonanz gerechnet, die auf mich zukam. Ich konnte viele Auftritte spielen, sowohl für mich selbst auch als für andere Künstler. Dadurch bin ich auch viel rumgekommen. Ich habe viele tolle Leute kennengelernt, mit denen ich jetzt in Kontakt bin. Es hätte einfach nicht besser laufen können. Vor allem war es super unerwartet, es kam einfach aus dem Nichts. Auch die Menschen aus der Szene sind mega offen, talentiert und es macht einfach mega Spaß , Musik zu machen. Gerade auch die ersten zwei etwas größeren Gigs für mich in Stuttgart im Werkstadthaus , die ich hatte, das war schon ne krasse Erfahrung und das waren echt verdammt gute Konzerte.


Das hört sich ja super schön an!


Ich bin mal gespannt, wie es jetzt weitergeht, aber der Sommer, der war schon echt sehr sehr schön.


Wenn du nochmal an bestimmte Momente zurückdenkst, was war denn so dein Lieblingsgig von all den Highlights die du erlebt hast? Wo hattest du so einen krassen Gänsehautmoment, kannst du dich daran erinnern?


Das weiß ich auf jeden Fall. Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Es war das zweite Konzert, das ich in Stuttgart im Werkstadthaus gespielt habe. Da habe ich ein paar Freunde getroffen, die mich überrascht haben mit ihrem Besuch, die vorher meinten sie kommen nicht - an der Stelle liebe Grüße an „Losing Sleep“. Das war dann erstens dahingehend eine schöne Überraschung. Dann fand ich es auch noch sehr schön, dass so viele Leute mitgesungen haben an dem Abend. Das ist so ziemlich das krasseste, finde ich, wenn man auf der Bühne steht und alle singen mit.


Ja, besonders weil du ja den Text geschrieben hast, den Song produziert hast und es so deine eigene Kreation ist und es dann gibt Leute, die sich so krass dafür begeistern und es so toll finden. Das ist doch bestimmt die größte Wertschätzung, das größte Feedback, was man bekommen kann, oder?


Ja, auf jeden Fall. Das hätte ich mir nie erträumen können. Auch das Gefühl so, wie es ist, wenn die Leute da sind, deine Texte einfach können. Das war einfach der Wahnsinn, das war wirklich der beste Gig bisher.

Credits: Tom Blanc


Schön! Dann lass uns direkt einsteigen und über deine EP reden. Warum hast du dich entschieden, sie “No Colors” zu nennen? Du heißt ja borninmay und im Mai ist Frühling und der Sommer ist in vollen Zügen, es wird alles bunter und wärmer, warum dann “no colors”? Was steckt für dich dahinter?


Der Titel "No Colors", der ist schon vor längerer Zeit entstanden. Den habe ich mir einfach mal irgendwie aufgeschrieben und dann habe ich mit Photoshop ein bisschen rumprobiert und geguckt, ob die Schreibweise und der Stil cool aussehen. Dann ist das ein bisschen in Vergessenheit geraten. Als ich schließlich angefangen habe, die Songs für die EP zu schreiben, kam mir der Titel wieder in den Kopf.

Im Prinzip verarbeite ich ja so einen gewissen Lebensabschnitt mit dieser EP und eine Zeit, die für mich sehr düster war. Düster klingt immer so ein bisschen doof - aber irgendwie ist es schon so. Es war recht düster, trostlos und trist. Ich finde "No Colors" hat das ganze ziemlich gut getroffen, besser hätte ich es eigentlich nicht formulieren können.

Vor allem wollte ich es auch kompakt haben wollte. Natürlich ist der Kontrast auch ganz schön, wie du es gerade meintest, das ist mir gar nicht aufgefallen. Und im Mai ist es ja jetzt nicht unbedingt bewölkt oder herbstlich. Aber wenn ich den Titel höre, dann denke ich auch eher an den Herbst.


Wenn wir jetzt schon gerade darüber geredet haben, wie du in deiner EP einen persönlichen Abschnitt deines Lebens verarbeitest. In “Feels Like We Never Met” singst du von einer Person, die nicht mehr in deinem Leben ist und sich anfühlt, als hättet ihr euch nie getroffen. Wie gehst du damit um, persönlich in deinen Songs zu werden? Ist es schwer für dich, dich zu öffnen oder ist es eher ein natürlicher Prozess, persönliche Dinge in deinen Songs zu verarbeiten?


Ja, du hast es ganz gut beschrieben, es ist ein recht natürlich Prozess. Das kommt einfach, es ist auch bei mir meistens so der Fall, dass ich als erstes keine Texte schreibe. Ich mache zunächst das Instrumental, setze mich dann, wie ich hier gerade sitze, vor das Mikro und fang einfach an, irgendwelche Melodien zu singen und zu summen. Darauf baue ich auf und dadurch entstehen dann meistens die Thematiken. Das ist so eine Sache die mir aufgefallen ist: Ich verarbeite einfach währenddessen schon und mir fällt das im Nachhinein meistens erst auf. Also, dass ich Dinge, die mich beschäftigen oder die mich bedrücken unterbewusst schon in die Songs einfließen lasse und dass es dann automatisch da ist. So war das auch mit "Feels Like We Never Met". Ich tu mich auch nicht schwer damit, ehrlich zu sein in meinen Songs - ich mag das. Manchmal will ich auch nicht großartig drum herum reden, sondern will einfach, dass die Message direkt den Zuhörer trifft, damit er auch einfach weiß, worum es geht und sich vielleicht aus selber darin wiederfinden kann und sich damit identifizieren kann. Aber andererseits habe ich natürlich auch Texte, die nicht so durchschaubar sind, bei denen ich es schön finde, wenn da Interpretationsfreiraum ist. Es kommt immer ganz auf die Situation an oder was mich gerade beschäftigt.


Das ist wunderschön, dass es so unterbewusst kommt und dass Musik für dich so ein Tool ist, um deine Gefühle und Emotionen auch unterbewusst zu reflektieren.


Absolut, ja.

Credits: Tom Blanc


Ich liebe ja deinen Song "Summer Ends". Das ist mein absoluter Lieblingssong von dir, ich habe den diesen Sommer rauf und runter gehört. Der Song gibt mir auch sehr krasse Road Trip Vibes. Was hattest du im Kopf, als du den Song geschrieben hast? Hattest du diesen Vibe in mind oder interpretiere ich das komplett anders?


Ja, doch, schon. Auf jeden Fall. Kurze Vorgeschichte zum Song: Er ist mit sehr viel Zeitdruck entstanden, weil ich noch unbedingt etwas für die EP brauchte. Und ich muss sagen, ich war am Anfang gar nicht so zufrieden damit, aber nach dem Release hat er mir dann doch relativ gut gefallen. Was ich mir bei dem Song gedacht habe, war halt - wie soll ich das beschreiben - so ein bisschen das Thema der Winterdepression. Also, dass man sich im Sommer um gewisse Dinge keine Gedanken macht, die dann erst wieder kommen, sobald der Winter da ist. Im Winter sitzt man viel zu Hause, ist nicht mehr so viel mit den Freunden draußen unterwegs und macht sich wieder Gedanken über verschiedenste Dinge. Das war so für mich der Grundgedanke. Und in dem Song selbst gehe ich dann einfach auf kleine, detaillierte Geschehnisse ein, die vorgekommen sind und die mich persönlich beschäftigt haben.


Wow, krass. Aber es stimmt halt auch zu hundert Prozent. Der Sommer kommt, man ist wieder draußen unterwegs, trifft so viele Menschen. Dann kommt der Winter und man beschäftigt sich sehr viel mit den eigenen Gedanken und stellt fest, dass man den Sommer lang eigentlich etwas verdrängt hat.


Genau, genau das ist so die Thematik, die aber auch wieder sehr unterbewusst entstanden ist. Also ich habe nicht drüber nachgedacht, es war einfach da.


Das ist aber auch so ein schöner Entstehungsprozess, wenn man das so benennen möchte. Es ist schön, dass es so natürlich kommt, dass es dann wirklich tief aus dir herauskommt, aus deinem Herzen, wenn man das so sagen möchte, weil es ist ja nicht so, dass du dir so 10.000 Gedanken machst, sondern ist es einfach da und das bist du.


Ja, es ist sehr ehrlich und sehr roh, irgendwie. Ich habe mich nicht hingesetzt und was geschrieben und hab das noch geändert - einfach raus damit. Und egal, wie es klingt oder ob es sich jetzt reimt oder nicht, das spielt dann keine Rolle. Hauptsache es ist bringt die Message rüber in dem Moment.


Hast du denn auch eine Lieblings-Zeile aus deiner EP?


Auf jeden Fall einige. Ich muss sagen, tatsächlich von „Summer Ends“ der Refrain. Ich lege nicht viel Wert auf Reimstrukturen, aber ich fand das so schön, weil es so gut gepasst hat mit dem: "you skip the track and my heart skipped a beat and I fell asleep on the passengers seat". Das finde ich voll schön, es hat mich irgendwie voll berührt.


Oh ja das ist echt ne schöne Zeile.


Dankeschön, ich hätte vielleicht noch von "No Colors": "Brake lights in late nights disappear like memories". Das fand ich ganz schön.


Ja, auf jeden Fall. Deine Texte zusammen mit den Instrumentals sind einfach echt sehr stimmungsvoll und passen sehr gut zusammen. Jetzt kommt auch die letzte Frage zu deiner EP. Was wäre denn die perfekte Jahreszeit, um deine EP zu hören?


Das ist eine echt gute Frage. Ich finde, den Vibe von der EP zu definieren auch immer so ein bisschen schwierig. Es ist auf der einen Seite abwechslungsreich, schnell, aber auch auf der anderen Seite melancholisch, nostalgisch und ein bisschen traurig, von den Thematiken her. Wann würde ich die denn hören? (überlegt) Ich würde sagen im Herbst.


Das sehe ich auch. "Summer Ends", der Sommer geht zu Ende. Und jetzt fängt der Herbst an, die Blätter fallen, es regnet langsam. Herbst klingt auf jeden Fall sehr passend.


Aber ich finde auch vielleicht im Sommer. Im Sommer kann man sich „Feels Like We Never Meet“ oder „Summer Ends“ anhören. Die kommen auch noch ganz gut, die haben Tempo. Deswegen könnt ich mir die im Sommer auch sehr gut vorstellen.


In so einer warmen Sommernacht, auf dem nach Hause weg, Kopfhörer rein, würde ich auch auf jeden Fall „Summer Ends“ auf und ab hören. Jetzt möchte ich mal von der Musik zu deinem Artwork überschwingen, dass du ja auch selbst designed hast, oder? Was steckt dahinter?


Das Artwork ist entstanden, als ich Tom Blanc besucht habe, viele Grüße. Mit dem habe ich das „Anywhere Else“ Musikvideo gedreht. Wir waren dann da an der zweiten oder dritten Location im Wald. Das Artwork für "Anywhere Else" ist auch ein Frame aus dem Musik-Video ist. Das fand ich sehr schön, es ist düster und ich mag auch einfach Wälder und Natur. Deswegen dachte ich mir, komm‘, ich binde das einfach ‘mal mit ein. Ich fand das auch vom Kontrast her so schön, also ich als kleiner Mensch im Gegensatz zu den riesigen Bäumen hinter mir. Und vielleicht kann man da ja auch wieder was reininterpretieren.

Du hast ja schon kurz über deine Musikvideos gesprochen und ich finde besonders die Art und Weise, wie sie gefilmt sind, finde ich super cool. Das Musikvideo zu „Feels Like We’ve Never Met“ das ist ja schwarz-weiß und sehr nostalgisch. Im Gegensatz dazu ist ein dein anderes Musikvideo eher bunter. Was möchtest du damit zeigen?


Ja, "Feels Like We Never Met" gibt mir wirklich ein sehr nostalgisches Gefühl und deswegen wollte ich das vom Look her auch so gestalten. Ich wollte es schön verschleiert und verwaschen haben, das waren auch genau die Worte, die ich meinem Kollegen gesagt habe, der das Video für mich gedreht hat. Ich hatte auch, glaube ich, so einfach ein Faible für Schwarz-Weiß gehabt, weil es sehr leicht war, das cool aussehen zu lassen. Als ich die Idee für das Musikvideo hatte, habe ich es nicht in Farbe gesehen, weil ich keine Farben sehe, wenn ich den Song höre. Bei "Anywhere Else" haben wir uns dafür entschieden, das in Farbe zu machen – super unspektakulär - weil es einfach schöner aussah, da es auch diesen alten Film-Look hat. Es war mir dann auch viel zu schade, dass durch einen Schwarz-Weiß Filter wegzuwerfen. Das war 'ne kleine Ausnahme.


Ich finde auch besonders dieses Verschleiernde und Verwaschene schaffen eine Atmosphäre, so einen Mood, der auch perfekt zu deinen Songs passt.


Ja, Ich liebe auch so verwaschene und verschleiernde Bilder. Es ist halt verträumt und ich mag das sowohl wenn es um Musik geht als auch visuell.


Beide Musikvideos erinnern mich auch sehr an analoge Fotografie. Es ist einfach richtig gut gemacht. So, dann möchte ich auch noch ein paar Musikempfehlungen von dir. Was sind denn deine drei absoluten Lieblingssongs im Moment?


Also, was ich momentan wirklich on repeat höre ist die Band „Hundreth“. Die haben 2020 ein Album rausgebracht, das heißt „Somewhere Nowhere“. Da würde ich einfach ‘mal den Song „Out of Sight“ auswählen. Das wäre der erste Song. Ich höre von meiner befreundeten Band „Losing Sleep“ momentan sehr, sehr oft „Open and Empty“, den finde ich echt gut. Ich mag so Fragen voll, aber wenn es dann hart auf hart kommt, fällt mir nichts mehr ein. Aber einen gebe ich dir jetzt noch mit. Okay, ich würde einfach mal sagen von der Band "Div" den Song „Follow“, den würde ich nehmen.


Vielen Dank, ich freu mich in die Songs später mal reinzuhören. Zum Schluss noch eine letzte Frage. Du schreibst ja auf deiner Spotify-Page in der Beschreibung „things have changend“, was hat sich denn genau verändert?


Das ist lustigerweise einfach nur ein Zitat aus "Feels Like We Never Met". In Bezug auf den Song beschreibt der so ein Gefühl. Also dieser Satz wiegt sehr viel. Aber ich kann ihn so auch gar nicht erklären.


Aber das ist total in Ordnung. Es beschreibt ja auch deine Gefühlslage gerade. Und man muss es auch nicht unbedingt erklären, man kann es einfach stehen lassen. Zuletzt möchte ich noch wissen, was denn so in der Zukunft passiert bei dir, was steht so an?


Live-technisch, eine Menge auf jeden Fall. Ich habe vor, mit der befreundeten Band, von der ich vorhin gesprochen habe, Losing Sleep, die Live-Gigs zusammen zu spielen, wenn es zeitlich bei uns allen passt. Ansonsten trete ich auch alleine auf. Ich möchte gute Live-Shows machen und den Leuten einfach eine gute Zeit geben.


Hast du denn schon einen konkreten Auftritt im Blick?


Ja, im November spiele ich hier bei mir in der Nähe bei so einer Konzertveranstaltung, bei der an dem Abend mehrere Bands auftreten werden. Dafür laufen jetzt gerade die Vorbereitungen auch auf Hochtouren.

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Nach dem Interview habe ich überlegt, wie ich selbst mit meinen unterdrückten Emotionen umgehe, die ich einen Sommer lang oder eine Zeit lang verdränge: auf jeden Fall mit Musik. Wenn es mir 'mal schlecht geht, die Gefühle mich einholen und aus einem Tränentropfen dann auch schon 'mal ein Wasserfall wird, höre ich meine "crying myself to sleep at 3 a.m." playlist on repeat und am nächsten Tag geht es mir schon viel besser.

Damit möchte ich nicht sagen, dass mich borninmay's Musik zum Weinen bringt, ganz im Gegenteil. Seine ehrliche und rohe Musik bewirken bei mir ehrliche und rohe Gefühle und wenn Musik so tiefsitzende Emotionen an die Oberfläche bringt, die verdrängt und versteckt schienen, dann tut sie alles richtig.


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