top of page
  • AutorenbildJule Detlefsen

Drei Tage Rausch - Dockville 2022

Ein persönlicher Nachbericht des MS Dockville Festivals 2022 in Hamburg von Jule Detlefsen

Credits: Sebastian Madej

In meinem Freundeskreis sind die wilden Geschichten rundum das MS Dockville legendär. Heiße Tage inmitten von Moshpits und viel zu viel Alkohol, der in ihren Bäuchen schon nach wenigen Stunden ein weitaus diverses Line-Up als die meisten deutschen Festivals bot.

Mit ewig alten Fotos und Videos von iPhones der 5. Generation wurde hemmungslose Anekdoten an mich herangetragen, die ich wohl sehr lange nicht mehr vergessen werden. Ob ich will oder nicht.

Trotz meiner heimischen Gefühle gegenüber Hamburg hatte ich nie die Möglichkeit, dieses wirklich hochgepriesene Festival selbst zu besuchen. Die zwei Jahre Pandemie haben der ganzen Sache auch nicht wirklich geholfen. 2019 wäre fast dort hingefahren, um den Booking-Glücksgriff Billie Eilish live zu erleben. Ich entschied mich dann aber doch zu dem 50. Geburtstag der Mutter meines Ex-Freundes zu fahren. Warum frage ich mich regelmäßig und beschämt selbst.


Aber zurück um Festival. Nach der Zwangspause ging es nun endlich wieder los mit dem heißumzogenen Festival der Hansestadt. Auch wenn es meiner angestrebten Coolness nicht wirkliche entgegenkommt, bin ich großer Fan von Stadt Festivals. Dort, wo man auf Luftmatratzen in Wohnzimmern von Freunden pennen kann und sich nicht das selbst gemixte Hardstyle-Set des Zeltnachbarns um 5:00 Uhr morgens reinziehen muss. Aber für alle, die ein bisschen rougher und cooler sind als ich, gibt es beim Dockville ja auch noch die Möglichkeit, auf dem Zeltplatz zu schlafen.

Ich setzte mich jedenfalls morgens frisch geduscht und mit dem ein oder anderen Frühstückssekts intus in die Bahn Richtung Gelände. Es dauerte keine 2 Minuten, bis mir die üblichen Verdächtigen in die Arme fielen. Hamburg scheint wirklich ein Dorf zu sein.

Credits: Ryan Jafarzadeh

Trotz pessimistischer Wettervorhersagen kam die Sonne immer wieder raus und beglückte uns Besucher:innen mit einem regenfreien ersten Festivaltag.

Auf dem Infield stolperten wir direkt in das Set der Chemnitzer Indie-Band Power Plush. Mit E-Gitarren in Pastelltönen setzten sie genau die richtige Stimmung für grandiosen Tag. Im Anschluss folgten Bruckner. Eine Band, die mir immer wieder über den Weg lief. So richtig hingehört hatte ich jedoch nie. Also nutze ich die Chance auf dem Dockville und bin umso glücklicher, dass ich dort endlich mal richtig hingehört habe. Ohne einen Song zu kennen, hüpfte ich fröhlich im Moshpit und fügte ihren Song „Lifestyle“ noch im Pit zu meiner Playlist hinzu.

Nach Verifiziert, Glauque und Provinz folgte dann schon das ultimative Highlight des Wochenendes: Tash Sultana. Auf das, was mich bei dieser Show erwarten sollte, war ich nicht vorbereitet. Mit offenem Mund stand ich in der ersten Reihe und schaute dabei zu, wie Tash das Benutzen einer Loop-Station auf ein neues und mir noch nicht bekanntes Level hebte. So etwas hatte ich Live wirklich noch nie gesehen.

Sprachlos und beseelt fuhren wir zurück, knatterten uns noch eine TK-Pizza und eine Packung Elotrans rein und gingen schlafen.


Das Wetter sollte für den 2. Tag noch besser werden. Sogar so gut, dass die meisten Band gar keine Nebelmaschine mehr brauchten, da der auffliegenden Staub bereits den gleichen Effekt erzielte.

Im „Butterland“ startete unser Festivaltag und brachte uns dann zu dem Auftritt der fantastischen Philine Sonny. Die neben Künstlerinnen wie Brockhoff oder Blush Always gerade dazu beiträgt, dann die Indie-Musiklandschaft endlich weiblicher wird. Nachdem wir noch kurz das wirklich beeindruckende Set von Orbit ansahen, führte unser Weg wieder zur Hauptbühne, um der one and only Alli Neumann zuzujubeln. Das war wie immer ein einziges Fest. Mein persönliches Highlight des Abends: Das Duett zwischen Faber und Alli bei dem sie gemeinsam "Für immer und dich" Junimond von Rio Reiser sangen.

Credits: Marvin Contessi

Ab Tag drei vielen dann leider hier und da einige Acts aus. Der mit Abstand schlimmste Ausfall war natürlich girl in red. Neben Tash Sultana eigentlich das Highlight des Festivals. Doch gegen Nebel auf dem Rollfeld kann man leider nicht machen und das Produktionsteam hat sich bestimmt noch weit mehr geärgert als wir. So sprangen schnell die 01099 Boys ein und zogen unsere Stimmung mit aller Kraft wieder aus dem Keller heraus. Um ganz transparent zu bleiben, verschwimmen danach meine Erinnerungen. Meiner Camera Roll zufolge gab es aber Schüttelkorn im Backstage, American Spirit, einen Auftritt von Annenmaykantereit und jede Menge Loaded Fries. Hätte schlechter laufen können, würde ich sagen.

Den krönenden Abschluss gab es dann bei dem DJ-Set von Cashmiri. Betrunken vom Festival-Glück und dem ein oder anderem alkoholischen Kaltgetränk neigten sich drei laute und rauschende Tage dem Ende zu. Jetzt kann ich in meinem Freundeskreis auch endlich mit legendären Dockville-Geschichten glänzen und ich hoffe, dass ganz noch viele folgen.


Das Dockville hat mir genau die Leichtigkeit und Freiheit gegeben, die wir alle seit 2 Jahren verloren gedacht hatten. Konzerte unterm freien Himmel, Menschen, die man mehr als eigene Leben liebt und die Hoffnung, dass es irgendwann wieder gut wird. Das war für mich das Dockville 2022 und ich kann es gar nicht abwarten, nächstes Jahr zu kommen. Wir sehen uns in 2023.

Credits: @EIUNDRUND




Comments


bottom of page