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Juno Lee: „Ich dachte lange, dass meine eigene  Introvertiertheit, etwas Schlechtes für die Bühne ist“ 

Hannah Simon im Interview mit Juno Lee

credits: Henrike Thiel, Finn Fredeweß


Nach drei Jahren Funkstille meldet sich Juno Lee mit einer neuen Single  zurück. Mit „I´m Fine, Thank You“ öffnet die Indie-Künstlerin den Raum für  mehr Mental-Health-Gespräche in der Musikszene und geht mit gutem  Beispiel voran: 


Hi Juno Lee, schön, dass du da bist! Du hast im April deinen Song „I ´m Fine, Thank You“rausgebracht. Deine erste Single seit 3 Jahren.  Wie fühlst du dich damit? 


Ich hatte Respekt davor, nach so langer Zeit wieder zu releasen. Aber  jetzt hat sich es richtig angefühlt, den Song gehen zu lassen, die  Erwartungen ein bisschen runterzuschrauben und einfach zu schauen,  wie es läuft. Dadurch war es ein richtig schöner Release! 


Würdest du dich als Perfektionistin beschreiben? 


Auf jeden Fall! Es war immer schwer für mich zu sagen „So, jetzt ist  Schluss.“ Aber was muss, das muss, ne? 

Ich habe so lange an diesem Song gearbeitet, da hatte ich Angst, meine  eigenen Erwartungen nicht zu erfüllen. Letztendlich war es dann aber  leichter als gedacht. 


In der Single geht es darum, dass man seine Gefühlswelt nicht nach  außen zeigen kann. Was bedeutet sie dir persönlich?


Als Person, die viel mit Krankheiten zu tun hatte, sei es mental oder auch  körperlich, kam ich immer wieder an den Punkt, wo ich so tun musste, als  würde es mir gut gehen. Auch gesellschaftlich gibt es nicht den nötigen  Raum, in dem man so etwas zulassen kann, denn wir leben in einer  Leistungsgesellschaft, in der alle immer funktionieren müssen. Aber was,  wenn man das nicht tut? Wird man dann aussortiert, oder was? 



Fällt es dir leichter solche Gefühle über die Musik zu  kommunizieren? 


Genau! Aber auch als Artist ist es natürlich so, dass man, wenn man auf  eine Bühne geht, nicht einfach sagen kann „Hey Leute, mit geht es nicht  gut“. Bzw. man kann das schon machen, aber darauf kann es auch  schlechtes Feedback geben. Bei Frank Ocean war das zum Beispiel so.  Und es gibt auch ganz andere Erwartungen als die, die man im Dayjob  erfüllen muss.


Hast du das Gefühl, dass das Thema Mental Health in der Musik Szene schon gut platziert ist? 


In den letzten Jahren ist schon einiges passiert, aber trotzdem könnte das  Verständnis von Fans auf jeden Fall größer sein oder auch vom  Management. Je nachdem in welchen Hierarchien man sich bewegt, gibt  es immer sehr viel Druck und man muss lernen damit umzugehen.  Mittlerweile geht die Berücksichtigung von Mental Health auf Tour  langsam in die Normalität über, zum Beispiel indem auch mal ein:e  Psycholog:in mitfährt. Oder, dass hinter der Bühne, bestimmte Vorsorge Vorkehrungen getroffen werden. Ich war zwar noch nicht Teil einer richtig  großen Produktion, aber auch bei uns ist es total schwer- wenn man so  viel im Kopf hat und so viel machen muss- auch noch darauf zu achten,  dass es allen gut geht. Das ist mega hart! 


Geht es in „I´m Fine, Thank You“ auch um diesen spezifischen Druck  als Musikerin? 


Darum geht es auf jeden Fall auch. Es gibt eine Line im Song: “The guy  backstage wants me to lie and say that I´m fine“. Da habe ich genau  darüber geredet, sonst geht es aber eher um meine eigene mentale  Gesundheit. 


credits: Henrike Thiel, Finn Fredeweß


Du schreibst generell viel über alltägliche Situationen. Wieso hast du  dich entschieden, in deinen Texten so konkret zu sein?


Das liegt glaube ich daran, dass die Personen, die ich bin und die Person,  die ich als Musikerin bin, sehr deckungsgleich sind. Mir fällt es schwer, mir  da irgendwas auszudenken. Mit meinen konkreten Texten kann ich dann  auch einfach viel mehr selbst anfangen und viel mehr Sachen verarbeiten,  weil das dann wirklich mir passiert ist. 


Und wie fühlt es sich an, so etwas Intimes mit der Öffentlichkeit zu teilen? 


Manchmal check´ ich gar nicht, dass das teils auch extreme Themen sind.  Ich habe letztens einen Supportgig gespielt und da meinte jemand, dass  es mutig und schön ist, dass ich mich mit solchen Themen auf die Bühne  stelle. Darüber war ich echt erstaunt , weil ich gar nicht auf dem Schirm  hatte, dass es krasse Themen sind. Ich denke gar nicht so viel darüber  nach, sondern ich mache das einfach und dann fällt es mir immer erst  danach auf. 


Wie ist es, deine Songs live zu performen? 


Ich habe so extreme Anxiety auf die Bühne zu gehen und habe mich auch  nie als Rampensau gesehen. Aber wenn ich dann auf der Bühne bin, 

dann habe ich das Gefühl, ich gehöre da hin und habe mega Spaß. Ich  dachte lange, dass meine eigene Introvertiertheit, etwas Schlechtes für  die Bühne ist, aber jetzt weiß ich, dass jeder Mensch eine eigene Art hat,  mit so etwas umzugehen. 


Wie würdest du deinen Weg hin zur Musikkarriere denn  beschreiben? 


Ich habe schon immer sehr viel Musik gehört. Als Teenie war es mein  größtes Hobby, in die Bibliothek zu gehen und die Cover von Alben  anzuschauen und mich durchzuhören. Dass ich eigene Songs  geschrieben habe, das hat allerdings extrem lang gedauert. Das habe ich  mit 17 oder 18 zum ersten Mal gemacht. 

Davor habe ich mich viel für mich selbst geschämt und konnte den  richtigen Raum noch nicht für mich aufmachen. Aber irgendwann habe ich  ihn gefunden und später kam auch meine Band dazu- die Leute, mit  denen der Sound irgendwie cool war. Rückblickend hat das alles sehr viel  Sinn gemacht, sodass wir dann auf diesen Indie-Rock-Pop-Sound  gekommen sind. Lange gab es dabei gar keine definierte Richtung,  sondern alles ist dynamisch zusammengewachsen. 



Haben dich bei deiner Sound-Entwicklung auch bestimmte Artists  geprägt? 


Die ersten Bands, die ich als Kind so richtig toll fand, waren Wir sind  Helden und Juli und später kamen dann die ganzen Pop-Musikerinnen,  wie Lady Gaga und Kesha, dazu. Heute würde ich da aber Julia Jacklin  und Alice Phoebe Lou nennen. Vor allem Alices Weg hat mich stark  inspiriert, weil sie, wie ich, mit Straßenmusik angefangen hat und immer  sehr independent geblieben ist. 


Wie geht es jetzt weiter für dich? Hast du noch mehr neue Songs in petto? 


Ja, ich habe einen neuen Song- „Superstar“ heißt der- und der kommt  wahrscheinlich am 5.7. Das ist noch nicht zu hundert Prozent spruchreif, aber es passiert auf jeden Fall bald. Und dann geht es peu a peu weiter,  im Herbst wollen wir dann eine EP releasen. 


Wir bleiben auf jeden Fall dran und freuen uns schon auf den 5. Juli!


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