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  • AutorenbildFiona Mählmann

Biig Piig - Eine Achterbahnfahrt der Gefühle

eine persönliche Konzertreview von Fiona Mählmann

Es ist plötzlich wieder kalt geworden in Berlin. Auf der Grenze zwischen Friedrichshain und Mitte, am Holzmarkt zieht sich eine Schlange die Straße entlang. Entlang der Schlange sieht man immer wieder Leute auf- und abgehen. Sie fragen, ob noch jemand ein Ticket zu verkaufen hätte. Die meisten gehen leer aus. „Immerhin regnet es nicht mehr“, sagt meine Begleitung, die gerade noch Glück hatte, ein Ticket von jemandem abkaufen zu können, „aber man wünscht sich schon, dass es langsam Sommer wird.“


Im Säälchen ist es zum Glück nicht mehr so kalt. Amilli steht bereits auf der Bühne. Ihre Musik wirkt wie eine Weiterentwicklung Biig Piigs früherer Songs. Ein ähnlicher Vibe wie der Soul-inspirierte Bedroom Pop, aber mit einer cleanen Produktion und RnB-Einflüssen. Selbstsicher und classy singt sie mit ihrer weichen Stimme. Die Windmaschinen vor der Bühne wehen Amilli die Haare aus dem Gesicht und sie lässt sich nicht von dem unruhigen Publikum in Säälchen beirren. Zu Ende des Sets fällt mir auf, dass ich die Songs kenne. Und nicht nur flüchtig. Der Anfang des Jahres veröffentlichte „Stuck in My Head“ lief auf Dauerschleife bei mir und der nicht mal eine Woche alte „Suitable“ stach mit seinem schwerelosen Flow wie ein Frühlingsbote für mich am zuvor gegangenen New Music Friday heraus.

Amilli bedankt sich am Ende ihres Sets noch einmal bei Biig Piig und verabschiedet sich unter Applaus mit dem Verweis auf ihr Konzert im Berliner Monarch im Mai. Im Publikum hört man viel britisches Englisch. Eigentlich immer ein guter Indikator dafür, dass bei einem Konzert gute Stimmung herrschen wird. Es fällt aber auch auf, wie heterogen die Menge ist. Etwas, was auch später zu fühlen sein würde.


Nach einer kurzen Wartezeit kommen Biig Piig und ihre Band auf die Bühne. Vom ersten Moment an überträgt sich ihre gebündelte Energie auf das Publikum. Sie hüpft und schwebt gleichzeitig von einem Ende der Bühne zur anderen zu den sommerlich-träumerischen Melodien von „This Is What They Meant“. Man sieht ihr an, wie sehr sie es genießt, auf der Bühne zu stehen. Der Abend soll mit neuen, wie alten Songs gefüllt werden. „Berlin hat einen besonderen Platz in meinem Herzen“, erzählt sie (natürlich auf Englisch) nach ein paar Songs. „Hier hat meine Karriere plötzlich angefangen, nachdem ich bei COLOURS performen durfte.“ Die Floskel wird plötzlich ehrlich, herzlich. Ein kleiner Moment des Lokalpatriotismus.

Biig Piig kündigt ihren nächsten alten Song an: „Perdida“, den sie schrieb, als sie mental an keinem guten Ort war, wie sie erzählt. Damals, im Herbst 2018 hatte ich sie ihn bei einem Konzert von Puma Blue im Scala, nahe der King‘s Cross Station in London performen sehen. Die selbstbewusste Frau auf der Bühne wirkt wie eine ganz andere Person im Vergleich zu jener schüchternen, in sich gekehrten jungen Erwachsenen, die damals vor mir stand.


Ihre alten Soul-Rnb-HipHop Songs haben durch neue Arrangements und den gelegentlichen Einsatz eines Saxophons einen neuen Anstrich bekommen. „In The Dark“ und „405“ leiten weiter in die Indie-Pop Titel Biig Piigs Diskographie. Man merkt, wie die Fans ihrer frühen Musik ein wenig an Interesse verlieren. Bisher wurden noch nicht alle abgeholt. Der plötzliche Drum & Bass Drop in „Picking Up“ ist wie ein Schlag ins Gesicht. Teile des Publikums fangen an wie verrückt zu Tanzen, andere sind überfordert. Die Energie in der Musik und bei Biig Piig bleibt und breitet sich aus, die Skeptiker freunden sich mit der Veränderung an, wenn auch die Rückkehr zu dem, an den retro-pop von JUNGLE erinnernden, „Feels Right“ bei Teilen des Publikums willkommener erscheint.


Der Abend ist zu früh vorbei, aber Biig Piig hat bisher nur EPs und Mixtapes veröffentlicht – dabei kommt kein abendfüllendes Programm zusammen. Ich bin extatisch, was aber nicht für alle der Konzertgänger:innen zutrifft, wie ich beim Warten an der Garderobe höre. Biig Piigs Stärke, genreübergreifend gute Musik zu machen, hat sich etwas negativ auf die Gesamtheit des Live-Erlebnisses ausgewirkt. War die Setlist auch ideal strukturiert, dass die Songs in ihrer Abfolge Sinn ergeben, war das Publikum in Teilen doch zu sehr besonders in Soul- und Drum & Bass-Lager geteilt, und hat sich nicht auf die Achterbahnfahrt einlassen können. Ich fahre gerne Achterbahn und freue mich, Biig Piig (hoffentlich nicht erst in viereinhalb Jahren, wie bisher) wieder erleben zu dürfen.

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